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Dienstag, 9. 3. 2010
  Quo vadis, Rumänien?
Jonathan Scheele, ehemaliger Leiter der EU-Kommission in Bukarest, sprach über die Aussichten des Landes / Von Silvana Cimpoca


Der ehemalige Vertreter der Europäischen Kommission in Bukarest, Jonathan Scheele, hielt am vergangenen Sonntag im Bukarester Nationaltheater einen Vortrag. Es sind mehr als drei Jahre vergangen, seit Rumänien Mitglied der Europäischen Union geworden ist, und viele Zustände hätten sich seitdem verändern können. Jonathan Scheele ist der Frage nachgegangen, inwieweit es Rumänien gelungen ist, aus seiner EU-Mitgliedschaft Nutzen zu ziehen. Der Schauspieler und ehemalige Kulturminister Ion Caramitru stellte den Gast vor und moderierte die darauffolgende Diskussionsrunde.

Dass sich Scheele 2001 für einen Posten in Budapest beworben habe, ihm aber eine Stelle in Bukarest zugewiesen wurde, erzählte der Vortragende ganz am Anfang seines Beitrags, was das Publikum zum Lachen brachte. Allerdings haben sich die Verhältnisse in Rumänien seit seinem ersten Besuch im Jahr 1993 stark gewandelt. Das Bild, das jeder Besucher auf dem Weg vom Flughafen Otopeni zur Innenstadt zu sehen bekommt, hat sich in diesen mehr als 15 Jahren radikal verändert. Einer Einladung, seinen Vortrag im vergangenen Jahr zu halten, wollte Scheele nicht nachkommen, weil er sich lieber vom Wahlkampf im Land fernhielt.

Rumänien nach 2007

Einige Entwicklungen nach dem Beitritt können als positiv eingeschätzt werden, vielen Änderungen kann man aber nicht unkritisch gegenüberstehen, betonte Scheele. Nachdem Rumänien der EU beigetreten war, haben die rumänischen Behörden das gemeinsame Ziel verloren, hieß es im Vortrag des ehemaligen Vertreters der EU-Kommission in Bukarest. Rumänien ging zu „business as usual“ zurück. Die Schwierigkeiten, im Jahr 2008 eine Regierung zu bilden, kamen in Brüssel nicht gut an und können nur als negativ eingeschätzt werden, meinte er weiterhin. Der Wirtschaft ging es relativ gut, bis die Wirtschaftskrise das Land betroffen hat. Die Regierung habe sich unbeholfen benommen.

Die negativen Folgen der EU-Mitgliedschaft sind zahlreich. Dazu zählt auch die Tatsache, dass rumänische Politiker keine eigene Vision und keine eigenen Strategien für die Entwicklung und Verwaltung des Landes entwickelt haben. Dieselbe Auswirkung hatte auch die Vereinbarung mit dem Internationalen Währungsfond. Rumäniens Regierung ist verunsichert, be-sonders in der Krisenzeit. Rumänien verhält sich eher reaktiv gegenüber den neuen Herausforderungen, kritisierte Jonathan Scheele.

Bis zur Integration haben rumänische Behörden konkreten Richtlinien folgen müssen. Die Berichte der Europäischen Kommission haben die Fortschritte nahe verfolgt. Jedoch, zeigte Scheele, haben Veränderungen zur Reform der staatlichen Institutionen nur in der Form und nicht in Inhalten stattgefunden. Vielmehr verfügt Rumänien nach dem Beitritt über finanzielle Unterstützung, aber nicht über technische Unterstützung. Das erschwert den Zugang zu europäischen Geldern.

Die Rolle Rumäniens im europäischen Kontext ist bisher nicht bemerkenswert. Die Rumänische Regierung hat bisher keine Projekte auf europäischer Ebene etablieren können.

Rumänien braucht eine Vision

Rumäniens Rolle auf europäischer Ebene oder im regionalen Kontext ist nicht erkennbar, weil der Regierung langfristige Visionen fehlen. Außerdem ist ein Dialog zwischen der Zivilgesellschaft, dem akademischen Bereich und den Bürgern erwünscht. Um Ziele und Prioritäten auf lange Sicht zu bilden, ist ein breiter Konsens erforderlich.

In der Diskussionsrunde wurde die Behandlung von unbequemen Themen, insbesonders bezüglich Probleme der jungen Leute und deren Möglichkeiten, sich gesellschaftlich und politisch zu engagieren, nicht umgangen. Es ist fast unmöglich, dass die Stimme junger, erfolgreicher Leute gehört wird, wie aus dem Publikum zu hören war. Ein großes Problem sei auch der „Braindrain“, die Tatsache, dass gut ausgebildete junge Leute das Land verlassen, um im Ausland zu arbeiten, meinte Scheele.

Im Bukarester Nationaltheater werden weitere Vorträge veranstaltet. Am 14. März spricht Bujor Nedelcovici über Schriftsteller und das Exil, am 28. März Marta Petreu über den Philosphen Nae Ionescu und am 8. April stellt der Klaviervirtuose Dan Grigore das Leben eines Pianisten vor.

Jonathan Scheele hat sein Studium an der Universität Cambridge abgeschlossen und ist 1974 Mitarbeiter der Europäischen Kommission geworden. Zwischen Oktober 2001 und Oktober 2006 war er Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Bukarest. Im Moment ist Scheele als Dozent an der Universität Oxford tätig, von wo er sich im Sommer 2010 nach Brüssel zurückzieht.