Deportation löste fast Regierungskrise aus

Ein unbeachtetes Dokument gibt Aufschluss über die Einstellung der rumänischen Politiker im Januar 1945

Donnerstag, 19. Januar 2017

Auszug aus dem Protokoll der FND-Sitzung vom 11. Januar 1945 (Nationales Historisches Archiv Bukarest, Fond FND, Dossier 14/1945, S. 1)

Den Deportationsbefehl für alle Deutschen aus den von der Roten Armee „befreiten“ Staaten in Südost- und Mitteleuropa (Bulgarien, CSSR, Ungarn, Jugoslawien und Rumänien) hatte Stalin, wie mittlerweile bekannt, am 16. Dezember 1944 erlassen. Der geheime Beschluss des Staatskomitees für Verteidigung sah die „Mobilisierung und Internierung aller arbeitsfähigen Deutschen“, Männer im Alter von 17 bis 45 Jahren und Frauen im Alter von 18 bis 30 Jahren, vor. Ebenfalls im Beschluss war festgehalten, dass die „Mobilmachung“ unter der Leitung des Geheimdienstes NKVD erfolgt und für die Umsetzung in Rumänien Winogradow, der stellvertretende Vorsitzende der Alliierten Kontrollkommission in Rumänien, zuständig ist.

Nicht bekannt ist bislang, wann die rumänische Ministerpräsidentschaft – als Ansprechpartnerin der Kontrollkommission – von der bevorstehenden Maßnahme in Kenntnis gesetzt worden ist. Den Unterlagen zufolge, welche die Verfasserin dieser Zeilen bislang eingesehen hat, erfolgte am 19. Dezember 1944 eine telefonische Mitteilung von der Ministerpräsidentschaft an die Polizei- und Gendarmerieinspektorate im ganzen Land, der eine schriftliche Verordnung am 31. Dezember nachgeschickt wurde. Diese Ordre enthält die drei Phasen der Aushebung unter der Verantwortlichkeit von rumänischen Polizei- und Gendarmerieinspektoren, und zwar das Sammeln auf Polizei- oder Gendarmerieeinheiten, der Transport in Sammellager und die Übergabe an die Sowjets bei Ausstellen einer Namensliste mit den übergebenen Personen. Beginnen sollte die Aushebung, sobald der spezielle Befehl diesbezüglich erteilt wird. Der Aushebungsbefehl trägt das Datum des 6. Januar 1945 und wurde von Wladislaw Petrowitsch Winogradow dem rumänischen Ministerpräsidenten ausgehändigt, die „Mobilmachungen“ begannen, wie in dem Befehl vorgesehen, am 10. Januar. Vor und auch nach dem Beginn der Aushebungen wurden zahlreiche weitere Verordnungen erlassen, in denen Ergänzungen sowie Ausnahmen von der „Mobilmachung“ mitgeteilt wurden, was darauf hindeutet, dass zwischen den Vertretern der Alliierten Kontrollkommission und der rumänischen Regierung  Verhandlungen stattgefunden haben.

Haltung der Regierung

Die rumänische Regierung befasste sich vermutlich in zwei Kabinettssitzungen mit der Frage der Deportation der Deutschen, Protokolle dieser Debatten sind im Nationalen Historischen Archiv jedoch nicht zu finden. Indirekt Aufschluss über die Diskussionen in der Ministerratssitzung vom 10. Januar 1945 bietet jedoch das Protokoll der am 11. Januar 1945 gehaltenen Sitzung der „National-Demokratischen Front“ (Frontul National Democrat - FND). Diesem um die Kommunistische Partei im Oktober 1944 konstituierten politischen Gebilde gehörten u. a. die Sozialdemokratische Partei, die „Front der Pflügler“ (Frontul Plugarilor), der „Verband der Patrioten“ (Uniunea Patriotilor - UP) und der Ungarische Volksverband (MADOSZ - Magyar Dolgozók Országos Szövetsége) an.
Aus dem Protokoll dieser Sitzung ist zu erfahren:

• Die Vertreter der Nationalliberalen und der Nationalen Bauernpartei haben den Ministerpräsidenten Nicolae R˛descu zum Rücktritt gedrängt, weil er den Deportationsbefehl akzeptiert hat, wodurch die Souveränität Rumäniens verletzt worden sei.
• Rădescu wollte tatsächlich zurücktreten, tat es aber offenbar nicht, um keine politische Krise auszulösen.
• Im Ministerrat kam man zum Schluss, dass das Ansuchen der Sow-jets angesichts der Kriegssituation nicht abgelehnt werden könne, doch wurde es nicht einfach hingenommen.
• Die Vertreter der KP waren mit dem Ansuchen der Sowjetunion einverstanden und der Ansicht, die der deutschen Minderheit angehörenden abkömmlichen Mitglieder der KP, der sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften sollen auch deportiert werden, um in den Arbeitslagern Organisationsarbeit zu leisten.
Im Folgenden nun Details aus dem oben genannten Protokoll, das sich im Nationalen Historischen Archiv Bukarest, Fond FND, Dossier 14/1945 befindet.

Vasile Luca und Petru Groza

Vasile Luca (Geburtsname Luka László), ehemals Abgeordneter im Obersten Sowjet der Ukrainischen SSR und Vizebürgermeister von Czernowitz (1940-1944), Mitglied im Sekretariat des ZK der RKP und ab 1947 Finanzminister, zu jener Zeit aber noch nicht Mitglied der rumänischen Regierung, teilt den Anwesenden zu Beginn der Sitzung vom 11. Januar 1945 mit, er habe gehört, der Ministerrat werde an jenem oder am nächsten Tag zusammentreten. Eine der anstehenden Fragen sei „chestiunea cu nemţii“, d. h. das Problem mit den Deutschen, da „die Sowjetunion, die sowjetische Regierung“ beschlossen hat, alle Deutschen aus den Staaten, in denen sich derzeit die Rote Armee befindet, zu sammeln und zum „Wiederaufbau der von den Deutschen zerstörten Städte, Industrien“ in die Sowjetunion zu bringen. „Sodass jeder Widerstand unsererseits bedeutet, dass wir, statt der UdSSR zu helfen, sie behindern.

Wir müssen froh sein, dass sie nicht auch unsere Rumänen rufen, sondern die Deutschen, die auch in unserem Land Verwüstungen angerichtet haben“, meinte Luca. Er berichtet ferner, er habe das Problem der Regionen angesprochen, wo in der Kriegsindustrie die Mehrzahl der Beschäftigten Deutsche sind, wie in Reschitza zum Beispiel. Dorthin werde eine Kommission fahren und die Lage vor Ort feststellen. „Wenn von unseren Genossen einige absolut notwendig sind, behalten wir sie; wenn sie aber entbehrlich sind, müssen wir sie nicht hier behalten, da sie dort in den Arbeitslagern gebraucht werden für das Erziehen der Deutschen sowie als Vertrauensleute, die Sabotage und Verbrechen jeder Art verhindern.“ Sein Vorschlag lautete, den Sowjets Listen der Vertrauenspersonen zur Verfügung zu stellen, die „dort die Organisation der Arbeit durchführen“ können. Die anwesenden Vertreter der FND waren einverstanden.

Zusammengerufen habe er die Repräsentanten der FND-Mitgliedsparteien und -organisationen, so Luca in seinen Ausführungen weiter, weil die Vertreter der Nationalen Bauernpartei bereit gewesen wären, eine Regierungskrise auszulösen, indem sie Ministerpräsident Rădescu zum Rücktritt drängen wollten, was verhindert werden müsse. Aus der von Luca erwähnten Sitzung des Ministerrates berichtete daraufhin Minderheitenminister Gheorghe Vlădescu-Răcoasa (einer der Vertreter des Verbands der Patrioten): Es sei klar gewesen, dass man sich der Maßnahme der Aushebung der Deutschen prinzipiell nicht widersetzen könne, die Vertreter der Bauernpartei und der Nationalliberalen Partei hätten jedoch die Frage der Souveränität des Staates angesprochen.

Dass Rădescu tatsächlich zurücktreten wollte, bestätigte Petru Groza, im Januar 1945 stellvertretender Ministerpräsident und in der FND einer der Vertreter der „Front der Pflüger“. Er war verspätet eingetroffen und Luca informierte ihn, dass bisher in der Sitzung über die Deportation gesprochen wurde. Zwischen den beiden findet folgender Dialog statt, in den zum Schluss auch Teohari Georgescu, der Vertreter der KP, zu jener Zeit für Verwaltungsfragen zuständiger Unterstaatssekretär im Innenministerium und späterer Innenminister, eingreift:

„Groza: Nehmt ihr Stellung  in der Öffentlichkeit?

Luca: Ja. Wenn dies öffentlich bekannt gegeben wird, dann werden auch wir unsere Haltung präsentieren. Vorläufig helfen wir den Behörden in dieser Hinsicht.
Groza: Ja, ja, das muss (geschehen, getan werden, im Original: Da, da, asta trebuie.). Es hinterlässt aber große Lücken in der Produktion. Es gibt auch qualifizierte Menschen. Auch in der Landwirtschaft sind sie am fortschrittlichsten. Wir müssen uns an die Arbeit machen, um diese Lücken zu schließen.
Ich dachte, ihr wollt Haltung beziehen, die Regierung mahnen, ihre Pflicht zu erfüllen. Wir haben gestern Abend beschlossen.
Luca: Das aber haben wir nicht gewusst. Wir dachten, es werde noch Diskussionen geben.
Groza: Es war recht schwer.
Luca: Rădescu wollte demissionieren, das wissen wir.
Teohari Georgescu: Dazu genötigt. Weil Maniu (Vorsitzender der Bauernpartei) und Dinu Brătianu (Vorsitzender der Nationalliberalen Partei und Minister für Kriegsproduktion) die Frage (der Souveränität) aufgeworfen haben, (und) die sich ansonsten selbst aus der Regierung zurückziehen wollten.“

Dinu Brătianu hatte am 9. Januar 1945 einen Brief an den Ministerpräsidenten gesandt, in dem er gegen die Forderung der Sowjets protestiert, die Rumäniendeutschen zur Zwangsarbeit zu verschicken, da es sich um eine „flagrante Verletzung unserer nationalen Souveränität“ handele und die Maßnahme im Waffenstillstandsabkommen nicht vorgesehen ist.

Dafür und dagegen

Die Deportation sollte vorerst geheim gehalten werden und selbst Groza und Luca verwenden im Gespräch nur Andeutungen. Verärgert waren die Kommunisten, dass Kultusminister Ghiţă Pop in Hermannstadt/Sibiu aus den Debatten im Ministerrat berichtet hatte, was geheim bleiben sollte: „Dass wir, die Kommunisten, für die Deportation waren und die Nationalzaranisten dagegen“, so Vlădescu-Răcoasa in seiner Wortmeldung. Nach Ansicht der Kommunisten sollen keine Interventionen für die Deutschen gemacht werden, sondern man müsse ihnen erklären, dass ihre Arbeit in der UdSSR der Umerziehung diene und sie nach der Rückkehr (im Geiste der neuen Ordnung) ausgebildet sind.

Constantin Agiu, Generalsekretär des Patrioten-Verbands, der als Unterstaatssekretär im Ministerium für Landwirtschaft in der am 6. März 1945 eingesetzten Regierung Groza bei der Umsetzung der Agrarreform besonders vehement gegen die deutschen Gemeinschaften auftrat, „warnte“ bereits, die Nationalzaranisten würden in die Häuser der Verschleppten ziehen, wenn man nicht aufmerksam sei (und wurde belehrt, dass nicht die gesamten Familien ausgehoben werden).
Mehr wurde in der Sitzung der FND nicht über die Deportation gesagt, im weiteren Verlauf wurden die Beschlagnahme von Fahrzeugen für die Versorgung und andere Wirtschaftsfragen besprochen.  

Unter Druck gesetzt, sendete Ministerpräsident Rădescu be-kanntlich am 13. Januar 1945 eine Note an Winogradow, in der er gegen die von den Sowjets angeordnete Aushebung der Rumäniendeutschen protestierte. Er wies auf den Verlust hin, den die deutsche Bevölkerung in der Industrie und Landwirtschaft darstellen werde und dass es die Verpflichtung der rumänischen Regierung sei, über „die Interessen aller ihrer Untertanen, ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft“ zu wachen. Desgleichen erwähnte er das Leid für die Betroffenen angesichts der Deportation mitten im Winter und so weit weg von ihren Familien. Dass die Protokollteile der Ministerratssitzungen, in denen die Deportation der Deutschen debattiert wurde, anders als andere Protokolle, nicht auffindbar sind, liegt wohl an der damaligen Haltung der Kommunistischen Partei, die diese Einstellung später vertuschen wollte und die Protokollteile verschwinden ließ. Da jedoch andere Protokolle mit unrühmlicher Einstellung zwischenzeitlich einsehbar sind, kann desgleichen vermutet werden, dass gar nicht protokolliert wurde, weil die Angelegenheit der Geheimhaltung unterlag.

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