Die ersten Brennöfen, die älteste Schrift

Warum die Donauzivilisation von sich reden macht / Ihre Handelsrouten folgten den Flusstälern Rumäniens

Donnerstag, 24. Mai 2012

Jener berühmte Wanderhirte und mutmaßliche Schamane „Ötzi“ war noch nicht geboren, da wohnten die Menschen in der Gegend von Majdanec’ke (südlich von Kiew) längst in zweigeschossigen Häusern mit je einem Balkon, wobei benachbarte Häuser eine gemeinsame Längswand hatten. Die Historiker begreifen diese Wohnkultur heute als ein Merkmal der sogenannten Donauzivilisation, deren Anfänge in der Jungsteinzeit liegen und die ihre Blüte in der Kupferzeit erlebte. Bekanntlich fand man unter Ötzis Habseligkeiten ein Beil mit Kupferklinge – in Mitteleuropa galt ein solches Beil noch um 3000 v. Chr. als Statussymbol ...

Aus den Siedlungshügeln von Karanovo (in der Nähe von Nova Zagora im zentralen Teil des Balkangebirges) kamen die Grundrisse jungsteinzeitlicher Häuser zum Vorschein, die durch ihre Ausmaße beeindrucken: einräumige mit 21-53 Quadratmetern, zweiräumige mit 49-63 Quadratmetern. Sie wurden übertroffen: Die Grundfläche des „Großen Hauses“ von Sofia-Slatina entspricht mit 117 Quadratmetern der eines modernen Einfamilienhauses. In seinem großen Raum befanden sich die Liegestätten, der Ofen, der Herd, die manuelle Steinmühle, der Platz zur Nahrungsvorbereitung, der vertikale Webstuhl, zahlreiche tönerne Kornspeicher und die Opfergrube. Der kleine Raum wurde zur Herstellung von Werkzeugen benutzt.

Das Gebiet der Donauzivilisation erstreckte sich von Thessalien in Griechenland über Makedonien, Bulgarien, Serbien und Rumänien bis zur Theiß im Westen, zum Dnjestr im Norden und zum Dnjepr im Nordosten. Ihre Träger waren Ackerbauern und Handwerker, unter diesen Weber, Töpfer und Kupferschmiede, außerdem Handelsreisende. Die Handelsrouten folgten den Flusstälern, etliche führten durch das heutige Gebiet Rumäniens. Man handelte mit Obsidian, Äxten aus vulkanischem Gestein und Spondylus-Muscheln, auch aus solchen Muscheln gefertigten Armreifen und Perlen, mit Salz, Metallschlacke, Kupfer für Ornamente und Waffen, später mit Fertigwaren aus Kupfer. Waren, die im Tauschhandel aus der Region um Vinca (bei Belgrad) exportiert und von anderen Orten dorthin importiert wurden, sind über mehrere hundert Kilometer bewegt worden, im Fernhandel sogar über Tausende Kilometer. Der Handel war von einem rituellen Geschenkeaustausch begleitet, als Geschenke dienten Figurinen aus gebranntem Ton.

Schon vor Jahrzehnten stießen die Archäologen auf Artefakte, die heute als Mosaiksteine zum Bild der Donauzivilisation gehören, konnten sie aber nicht eindeutig interpretieren. Die Ausgrabungen bei Cucuteni (60 Kilometer westlich von Jassy/Iaşi) begannen 1885, die bei Vinca (nahe Belgrad) 1908. Die Karanovo-Siedlungshügel wurden in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts entdeckt. Die Figurinen von Hamangia bei Cernavodă – der „Denker“ und die „Sitzende Frau“ – kamen 1956 ans Licht, als man die dortige Nekropole untersuchte. Die Tontäfelchen von Tărtăria im Miereschtal wurden 1961 bei Ausgrabungen gefunden. Die Entdeckung der jungsteinzeitlichen Kultstätte von Paratz/Parţa (neben Temeswar/Timişoara) fällt in die 70er Jahre. Erst nach und nach gelangten die Forscher zu der Einsicht, dass es sich bei den Funden – trotz der regionalen Unterschiede – um die Hinterlassenschaft einer zusammenhängenden Zivilisation handelt. Für diese Einsicht waren die Veröffentlichungen der litauischen Prähistorikerin und Anthropologin Marija Gimbutas (1921-1994) wegweisend.

Die politischen Umbrüche in Ost- und Südosteuropa nach 1989 bewirkten einen Aufschwung der Forschung und als Folge davon auch eine Intensivierung der Grabungstätigkeit. Seither hat sich die Materialbasis erheblich erweitert. Die neueren Erkenntnisse beseitigten alle Zweifel an der Theorie, dass es sich bei der vorgriechischen Kulturstufe um eine Hochkultur handelt. Der weltweit bekannte Sprachwissenschaftler Harald Haarmann, von dem der Name Donauzivilisation stammt, breitet diese Erkenntnisse in seinem neuesten Buch aus.

Wein und Olivenöl

Haarmann fasst die Leistungen der Alteuropäer in einer beeindruckenden Bilanz zusammen:
– Die ältesten Großsiedlungen von Stadtgröße – bedeutend größer als Catalhöyük in Anatolien oder die ältesten Städte Mesopotamiens – entstehen in Alteuropa.
– Die ältesten, kontinuierlich bewohnten Orte in Europa sind nicht Städte wie Athen oder Rom, wo die frühesten Siedlungsspuren ins zweite Jahrtausend v. Chr. datieren; Larissa in Thessalien und Varna in Bulgarien sind mehr als doppelt so alt.
– Die Alteuropäer kennen bereits Einfamilienhäuser mit mehr als 100 Quadratmeter Grundfläche.
– Die ersten zweigeschossigen Reihenhäuser der Welt werden in einigen der Großsiedlungen Alteuropas gebaut.
– Das Töpferrad, ein Vorläufer der Töpferscheibe, wird in Alteuropa entwickelt, erst später tritt diese technische Neuerung auch in Mesopotamien auf.
– Die ersten zylindrischen Rollsiegel der Welt werden in Alteuropa verwendet.
– Die ersten Brennöfen zur Herstellung hochwertiger Keramikprodukte, in denen die Temperaturen kontrolliert und reguliert werden konnten, werden in Alteuropa in Betrieb genommen.
– Die Technologie des Metallgusses (Verfahren zum Schmelzen von Kupfer) wird erstmals in Alteuropa angewandt, und zwar im ausgehenden 6. Jahrtausend v. Chr., und erst einige Jahrhunderte später auch in Anatolien.
– Die ältesten Artefakte aus Gold wurden in Alteuropa gefunden und in die Zeit um 4500 v. Chr. datiert (der Goldschatz von Varna).
– Die frühesten Notationssysteme mit konventionellem Zeichengebrauch werden in Alteuropa entwickelt; diese sind ein System zur Notation von Zahlen und ein Schriftsystem.
Jahrtausende vor den Griechen wurde in Alteuropa Wein gekeltert und Olivenöl produziert, und lange vor den Griechen aßen die Alteuropäer Kirschen, Erbsen und Petersilie.

Uralte Wörter

Das Ende der Donauzivilisation wird mit dem Vordringen viehzüchtender Nomaden aus den Steppen nördlich des Schwarzen Meeres in Zusammenhang gebracht. Jene Nomaden waren Indoeuropäer. Anscheinend lebten im Grenzgebiet zwischen den Wirtschaftsräumen Eliten der Nomaden zeitweilig friedlich mit den Ackerbauern und ihren Handwerkern zusammen, aber eines Tages übernahmen sie die Kontrolle über die Produktion und den Handel (die erste Welle der indoeuropäischen Invasion).

Aus der Donauzivilisation, d. h. aus vorgriechischer Zeit, stammen viele Kulturwörter: Aroma, Hymne, Kaktus, Kamin, Kaper, Kastanie, Keramik, Kirsche, Metall, Minze, Narzisse, Olive, Petersilie, Pflaume, Thunfisch, Wein, Zypresse u. a. Die Wörter Letter und Literatur gehen zurück auf die Bezeichnung für das Leder, die gegerbte Tierhaut, die als Beschreibstoff diente. All diese Wörter gelangten über die griechische Sprache in die abendländische Kultur und sind zum Gemeingut der Menschheit geworden.


Harald Haarmann: „Das Rätsel der Donauzivilisation. Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas“. München: Beck, 2011. ISBN 978-3-406-622106.

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