„Die Lenauschule leistet einen wesentlichen Beitrag zur deutschen Kultur im Banat“

ADZ-Gespräch mit Prof. Dr.-Ing. Franz Quint vom Verein der Freunde der Lenauschule e. V.

Mittwoch, 04. Oktober 2017

Der Vorsitzende des Vereins der Freunde der Lenauschule, Franz Quint, lebt zwar in Deutschland, er ist aber ein paar Mal im Jahr an seiner ehemaligen Schule in Temeswar, um sich vor Ort zu erkundigen, was noch an Unterstützung benötigt wird.
Foto: Călin Piescu

Eine Elite-Schule, an der auch zwei Nobelpreisträger – Herta Müller und Stefan Hell – unterrichtet wurden: Das ist die Nikolaus-Lenau-Schule in Temeswar. Seit einigen Jahren gibt es einen Verein, der Temeswars bedeutendste deutsche Schule ideell wie materiell unterstützt. Vorsitzender des Vereins der Freunde der Lenauschule e. V. ist Prof. Dr.-Ing. Franz Quint, der seit 1986 in Deutschland lebt. Wieso sich ein Verein aus Deutschland für eine Bildungseinrichtung in Rumänien stark macht und was die wichtigsten Vorhaben der Organisation sind, das verrät Franz Quint, selbst Lenau-Absolvent, in folgendem Gespräch mit ADZ-Redakteurin Raluca Nelepcu.
 

In Rumänien ist es keine Selbstverständlichkeit, dass Schulen von Vereinen unterstützt werden, umso weniger von solchen, die in Deutschland angesiedelt sind. Für die Nikolaus-Lenau-Schule in Temeswar macht sich der „Verein der Freunde der Lenauschule e. V.“ aus Deutschland stark. Wann und wie ist es zur Gründung dieses Vereins gekommen?

Wir haben den Verein der Freunde der Lenauschule 2008 gegründet. Damals hat der Absolventenjahrgang 1983 der Lenauschule sein 25-jähriges Abiturtreffen in Temeswar gefeiert und da war eben eine große Gruppe ehemaliger Schüler, die jetzt in Deutschland leben, anwesend. Wir haben gesehen, dass es um das Schulgebäude nicht eben zum Besten bestellt war, und beschlossen, zu helfen. Wir haben uns gedacht, dass man mit kleineren Aktionen vielleicht etwas bewirken kann. Aus der Erfahrung heraus, dass sich in Deutschland die Eltern für die Schule ihrer Kinder engagieren, haben wir uns überlegt, dass wir uns doch auch für unsere ehemalige Schule engagieren könnten, auch wenn wir keine Kinder hier haben. Es war, im Prinzip, jedem von uns bewusst gewesen, dass der Grundstein für unseren Erfolg im Leben hier, in diesem Lyzeum, gelegt wurde. Das wollten wir zurückgeben. Ich sage immer dazu: Das ist ein umgekehrter Generationenvertrag. Wir investieren in die Schule und versuchen, den Schülern und Lehrern ein gutes Lehr- und Lernklima zu bieten, damit sie Erfolg haben.
 

Im kommenden Jahr feiert der Verein der Freunde der Lenauschule sein zehnjähriges Bestehen. Was ist in all diesen Jahren an Unterstützung für die Nikolaus-Lenau-Schule gekommen?

Die Unterstützung geschah auf verschiedenen Ebenen. Wir haben zum einen versucht, ideelle Unterstützung zu bieten, durch Lobbyarbeit. Wir haben aber vor allem materielle Unterstützung geleistet. Das ging damit los, dass wir im Internat der Lenauschule, im dritten Stock, einen Umbau vornehmen und die Räume so einrichten haben lassen, dass sie als Bildungseinrichtung genutzt werden können. Wir haben im Gebäude der Schule alle Toiletten renovieren lassen. Das ist mittlerweile durch die Innenrenovierung nicht mehr relevant, aber zu dem Zeitpunkt war das sehr wohl relevant gewesen. Wir haben z. B. das Gemälde „Die Wacht“ von Franz Ferch, das im Festsaal der Schule hängt, restauriert. Wir haben die Schule mit Computern, Beamern, mit einer Audioanlage, mit Kopierern, Druckern und anderen technischen Geräten ausgestattet.

Die vielleicht größten Aktionen waren im Bereich der Büchersammlung. Wir haben aus Deutschland bestimmt zehntausend Bücher an die Schule gebracht – Lehrbücher wie auch Belletristik. In Kooperation mit dem Freundeskreis Karlsruhe-Temeswar kam im Herbst vergangenen Jahres ein Transport mit 17 Tonnen Büchern aus Deutschland.
Wir haben die kompletten Schulmöbel für die Klassen 5-8 gesichert. Wir haben im Juli d. J. 550 Schülerschränke von der Europaschule Karlsruhe hierher gebracht. Es waren bestimmt mehr als zehn Sattelschlepper Möbel, die wir im Laufe der Jahre an die Le-nauschule gebracht haben.

Im Lehrbereich haben wir zwei wichtige Projekte. Eines ist der Elsa-Lucia-Kappler-Preis, der zum ersten Mal 2009 verliehen worden ist. Das ist ein Wettbewerb in deutscher Sprache für die zehnte und zwölfte Klasse, mit Aufsätzen und Debatten, der finanziell sehr gut dotiert ist. Insgesamt 800 Euro an Preisgeldern werden an die Schüler ausgeschüttet und 500 Euro an die Schule selbst, die das Geld für beliebige Investitionen benutzt. Dieses Jahr in der zweiten Auflage haben wir den Carmen-und-Jakob-Walbert-Preis organisiert, der im Bereich der Naturwissenschaften vergeben wird. Da geht es eher um das Experimentieren, um Projekte im Bereich der Physik, Chemie und Informatik. Dieser Wettbewerb ist auch mit einem jährlichen Preisgeld von 1300 Euro belegt.
 

Wer gehört denn zu dieser Gemeinschaft, die die Nikolaus-Lenau-Schule unterstützt?

Die Mitglieder des Vereins sind zum größten Teil Absolventen der Lenauschule und der Absolventenjahrgänge zwischen 1975 und 1985. Das ist der Schwerpunkt. Aller-dings haben wir auch Absolventen aus den 1950er Jahren und auch Absolventen aus den 2000er Jahren, allerdings weniger. Auch ehemalige Lehrer sind Mitglieder im Verein. Wir haben aber auch Mitglieder, die gar nicht an der Lenauschule waren, die aber einfach die Idee gut fanden, dass wir das unterstützen - Temeswarer, die zum Beispiel die Loga-Schule besucht haben, die sich aber jetzt, in Deutschland, für die Lenauschule einsetzen. Der Großteil der Mitglieder, etwa 75 Prozent, wohnt in Deutschland. Wir haben Mitglieder in der Schweiz, in Österreich, in Rumänien, in den USA, in China haben wir ein Mitglied – alles ehemalige Lenau-Schüler, die in der weiten Welt verstreut sind.
 

Was macht die Lenauschule so besonders? Sie gehört nämlich auch heute noch zu den Elite-Schulen Temeswars.

Das ist richtig. Ich betrachte jetzt meine Zeit an der Lenauschule, die Zeit Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre, als es in Rumänien schon die Industrielyzeen gab. Da hatte man das Gefühl, dass der Unterricht an der Schule nicht immer ganz ernst genommen wird. An der Lenauschule wurde er sehr ernst genommen. Man hat wirklich hart gelernt. Wir hatten gute Lehrer. Es hat sich dadurch automatisch eine Selektion gebildet – es war ein Wettbewerb unter den Schülerinnen und Schülern. Abgesehen davon, und das ist vielleicht das Wichtigste: Es hat sich ein gewisser „Geist der Lenauschule“ entwickelt, ein Zusammenhalt, und der ist nicht vornehmlich durch die schulischen Aktivitäten zustande gekommen, sondern vor allem durch die außerschulischen Aktivitäten, die an der Schule stattgefunden haben. Es gab eine Diskothek, eine sogenannte „Diskuthek“, es gab verschiedene Bälle.

Es wurde versucht, immer auch für die Schüler einen Gewinn daraus zu erzielen, auch aus Aktivitäten, die gar nicht so beliebt waren, wie zum Beispiel die Ernte im Herbst, wo wir zum landwirtschaftlichen Einsatz mussten – dann gab es halt nachher einen „Kukuruz-Ball“ und das war dann wieder etwas Schönes. Man muss schon sagen: In der Zeit hat der damalige Direktor, Erich Pfaff, die wesentlichen Grundsteine gelegt und all das geschafft. Er hat es auch geschafft, die Eltern an die Schule zu bringen, durch seine Volksuni, und natürlich dadurch, dass die Lenauschule eine deutsche Vorzeige-Einrichtung in Temeswar gewesen ist, haben sich praktisch Generationen herausgebildet. Die Eltern waren an der Lenauschule, die Kinder waren an der Lenauschule – dadurch ist ein Zusammenhalt entstanden. Die Schüler der Lenauschule sind später Lehrer an der Lenauschule geworden, und dadurch hat jeder wirklich nicht nur seinen Dienst nach Vorschrift geleistet, sondern hat Herzblut da reingetan. Schüler merken sich so etwas und Schüler belohnen das mit guten Leistungen. Das ist, glaube ich, das Wesentliche, was die Le-nauschule ausmacht. Das setzt sich auch in die heutige Zeit fort.
 

Früher war die Mehrheit der Schüler deutscher Abstammung, heute sind es größtenteils die Rumänen, die die Lenauschule besuchen. Wie sieht das der Verein der Freunde der Lenauschule?

Der Verein der Freunde der Lenauschule interessiert sich nicht für die Nationalität der Schüler. Wir leben in einer globalisierten Welt, und schon längst hat, wenn man sich in der Industrie und in den Ländern umschaut, der Wettkampf um die besten Köpfe begonnen. Es ist egal, welcher Nationalität man ist, wir brauchen gute Köpfe, um die Industrie weiterzubringen und um unseren Wohlstand halten zu können. Wir leben in Europa. Von daher ist es egal, ob das Kinder aus einem deutschen Elternhaus oder aus einem rumänischen Elternhaus sind. Auf der anderen Seite muss ich natürlich auch sagen, es gab eine deutsche Tradition im Banat und es wäre natürlich schade, wenn durch das Auswandern der Deutschen diese Tradition komplett verschwinden würde. Diese Tradition wird durch die Lenauschule aufrechterhalten. Und deswegen unterstützen wir auch den deutschsprachigen Unterricht. Die Lenauschule leistet einen wesentlichen Beitrag zur deutschen Kultur im Banat, weil diese Einrichtung die Keimzelle für alle weiteren deutschen Institutionen ist, wie zum Beispiel das Deutsche Staatstheater, die deutsche Zeitung, das deutsche Radio usw.
 

Ein großes Lenau-Treffen steht in diesem Jahr bevor. Wo soll es stattfinden?

Das Lenau-Treffen wird am 11. November in Adelsried, Deutschland, organisiert. Es ist in der Organisation des Vereins das vierte Treffen in Deutschland und das sechste große Lenau-Treffen, das wir veranstalten – zwei davon haben in Temeswar stattgefunden. Es ist als jahrgangsübergreifendes Lenau-Treffen gedacht, eben komplementär zu den Jahrgangstreffen, die die Abiturienten organisieren. Man hat ja nicht nur die Schüler aus dem eigenen Jahrgang gekannt, sondern auch jene ein paar Jahre darüber oder darunter. Es ist eine Gelegenheit, sich zu treffen, Erinnerungen auszutauschen, es ist aber auch eine Gelegenheit, auf den Verein aufmerksam zu machen, es ist eine Gelegenheit für den Verein, Einnahmen zu generieren, die dann natürlich an die Lenauschule gehen. Dieses Treffen hat sein geselliges Beisammensein, aber wir achten immer darauf, auch einen kulturellen Teil zu bieten. Wir werden dieses Jahr unter anderem einem Vortrag der Regisseurin und Drehbuchautorin Anca Miruna Lăzărescu beiwohnen, die in Deutschland den Film „Die Reise mit dem Vater“ gemacht hat.
 

Ein großes Jubiläum feiert die Lenauschule 2020: ihr 150-jähriges Bestehen. Was hat sich der Verein der Freunde der Lenauschule zu diesem Anlass überlegt?

Wir versuchen – eigentlich schon seit der Gründung des Vereins – die Geschichte der Lenauschule aufzuarbeiten und eine Monografie zu erstellen, um das Wirken der Schule hier im Banat, quasi als Minderheitenschule aber auch als Keimzelle der kulturellen Tätigkeiten hier, zu dokumentieren und eben zu untersuchen, wie die Lenauschule diese Position hier erlangen konnte, welches das Fundament war, dass zwei Nobelpreisträger an der Lenauschule sozusagen „groß geworden“ sind. Wir sehen jetzt Licht am Horizont und sind zuversichtlich, dass wir bis 2020 diesen Band herausgeben können. Es ist geplant, dass wir das 150-jährige Jubiläum der Lenauschule hier, in Temeswar, mit dem nächsten großen Lenau-Treffen feiern werden.

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