Die schönsten Synagogen Rumäniens

Prachtvoller Bildband krönt Veranstaltungsreihe zu jüdischem Kulturerbe

Donnerstag, 26. April 2018

„Temple și Sinagogi din România“, Federația Comunităților Evreiești din România – Cultul Mozaic, Hasefer Verlag 2018, ISBN 978-973-630-390-6

„Ausstellungen vergehen – aber ein Bildband bleibt!“ Mit diesem Satz verleiht Fotograf George Dumitriu seiner Freude über das Erscheinen des Bildbandes „Temple și Sinagogi din România – Patrimoniul Evreiesc, Național și Universal“ (Tempel und Synagogen in Rumänien – Das Jüdische Kulturgut, national und universell) Ausdruck, der am 15. April im Coral Tempel vorgestellt wurde. Tausende Kilometer und Tausende Klicks, unzählige Megabytes und Fotolampen-Watts liegen hinter ihm. Die gleichnamige Ausstellung mit seinen Fotos – eröffnet im November 2017 im Patriarchenpalast, dann im Februar 2018 im Nationalen Geschichtsmuseum gezeigt – tourt durchs Land. Auch rumänische Kulturinstitute im Ausland haben bereits Interesse angemeldet. Die Belohnung für alle Mühen ist, nun den Bildband in Händen zu halten. „Finis Corona Opus“ (das Ende krönt das Werk) zitiert der Staatssekretär für Kulte, Victor Opaschi, der links von ihm am Podium sitzt, Ovid. Zwei Plätze weiter, neben Dr. Aurel Vainer, dem Vorsitzenden der jüdischen Föderation und Initiator des Projekts, scherzt Akademiemitglied Răzvan Theordorescu, fast ein wenig neidisch auf jene zu sein, die diesen Bildband realisiert haben.

Jüdische Gotteshäuser – rumänisches Kulturerbe

Die prachtvollsten Synagogen aus allen Landesteilen präsentieren sich darin auf 100 Seiten visuell von ihrer besten Seite. Das Titelbild zeigt den Bukarester Coral-Tempel, wie man ihn selten zu Gesicht bekommt: Von oben aufgenommen, entfaltet sich der prachtvoll bemalte, voll ausgeleuchtete Innenraum vom Eingang bis zum Aron-Kodesh. Unter der mit maurischen Ornamenten verzierten Kuppel erfasst das Bild die vier Reihen Gestühl im Erdgeschoss und zwei übereinanderliegende Emporen, gibt warme Farben und perfekte Symmetrien wieder. „Noch vor 15 Jahren wäre ein solcher Bildband nicht möglich gewesen“, fährt Theodorescu fort. „Da war der Tempel von Piatra Neamț eine Ruine und auf dem Dach der Synagoge von Rădăuți wuchsen Bäume.“ Dass sich vieles seit 2007 geändert hat, als die jüdische Gemeinschaft mit Unterstützung der rumänischen Regierung ein landesweites Projekt zur Restaurierung der Synagogen begann, sei auch Theodorescu zu verdanken, bemerkt Vainer. Er war der erste, der die Instandsetzung der Synagogen von Broos/Orăștie, dann von Piatra Neamț und schließlich Jassy/Iași befürwortet hatte, die Reihe wurde später von Opaschi fortgesetzt. Finanzielle Unterstützung kam auch von der jüdischen Stiftung Caritatea und der American Jewish Joint Distribution, einer Organisation, die seit dem Zweiten Weltkrieg jüdische Gemeinschaften in aller Welt fördert.

Die jüdische Gemeinschaft in Rumänien schwindet... Doch was bleibt, ist ihr Kulturerbe – nicht nur jüdisches, sondern rumänisches, weltweites! Von den über 2000 Synagogen der an die 800.000 Juden vor dem Zweiten Weltkrieg stehen heute noch 86. 43 sind funktionell und 35 als Denkmäler geschützt – tatsächlich könnten es viel mehr sein, doch wurde der Eintrag in die Denkmälerliste in vielen Fällen versäumt oder unterlassen. „Was geblieben ist, ist von großem Wert, auch weil es den Stil und die Kultur des jeweiligen Umfelds reflektiert“, fährt Vainer fort und erläutert: „ Ob man die Synagoge von F˛lticeni in der Moldau oder die barocken Tempel des Banats, etwa in Arad oder Großwardein/Oradea, betrachtet, überall ist der Ort zu erkennen, wo die Juden Stilelemente geborgt haben.“ Und ergänzt: „Im Vergleich zu den anderen ehemals kommunistischen Ländern des Ostblocks steht Rumänien mit seiner Anzahl erhaltener Synagogen vergleichsweise sehr gut da.“ Ein weiterer Unterschied bestehe darin, so Vainer, dass Juden in Rumänien zu jeder Zeit – selbst unter Antonescu und im Kommunismus – in den eigenen Synagogen beten durften.

Touristischer Leitfaden

Der Bildband beschreibt mit knappem historischem Text 31 ausgewählte Gotteshäuser: die Alte Synagoge in Karlsburg/Alba Iulia, die Neologische Synagoge in Arad, den Templul Cerea-li{tilor (Getreidehändlertempel) in Bacău, die Synagogen in Baia Mare und Bistritz/Bistrița, die Große Synagoge in Botoșani, die Jüdischen Tempel in Kronstadt/Brașov, den Coral-Tempel, die Große Synagoge und den Tempel Unirea Sfântă in Bukarest, die Synagoge in Karansebesch/Caransebeș, den Tempel der Deportierten in Klausenburg/Cluj-Napoca, die Große Synagoge in Dej, die Beth Solomon Synagoge in Dorohoi, die Große Synagoge in Fălticeni, den Tempel der Handwerker in Galați, die Großen Synagogen in Hârlău und Jassy/Iași, die Große Orthodoxe Synagoge in Großwardein/Oradea, die einzige hölzerne Synagoge Baal Shem Tov in Piatra Neamț, die Synagoge von Pite{ti, den Großen Tempel von Rădăuți, die Leipziger Synagoge in Roman, den Großen Tempel von Sathmar/Satu Mare, die Große Synagoge in Hermannstadt/Sibiu, den Tempel Vinițer Klaus in Sighetu Marmației, die Synagoge Gah in Suceava, den Großen Tempel in Neumarkt/Târgu Mureș, die Synagoge der Handwerker in Târgu Neamț, die Synagoge in der Festung in Temeswar/Timișoara und den Israelitentempel in Tulcea.

Die Auswahl ist als Empfehlung für Reisende geeignet, eine Liste der Ansprechpartner vor Ort (nicht alle Synagogen sind jederzeit geöffnet) findet man auf der Webseite www.jewishfed.ro/index.php/date-de-contact-comunitati.
Ein wenig schade, dass ausgerechnet eine der prächtigsten, die hervorragend restaurierte neologische Synagoge von Lugosch, nicht enthalten ist. Genauso wenig – wenn auch eher nachvollziehbar – die monumentale Synagoge von Großkarol/Carei, leider im Zustand fortgeschrittener Degradation. Wer die hölzerne Synagoge in Piatra Neamț besucht, sollte auch einen Blick in die gleich daneben liegende, nicht ganz so alte, aber üppig dekorierte, monumentale Leipziger Synagoge werfen.

Im letzten Kapitel des Bildbands stellt Carmen Iovițu jüdische Kultobjekte vor. Im Zentrum jeder Synagoge steht der heilige Schrein oder Aron Kodesh, in dem die Tora-Rollen aufbewahrt werden, für die es verschiedene Schmuckhüllen oder den Yad-Zeiger – eine Art silberner Finger – als Leseinstrument gibt. Eine funktionierende Synagoge erkennt man an der Mezuza an der Wand neben dem Eingang: eine kleine Hülse aus Metall oder neuerdings auch Plastik, in der eine Miniaturversion der Tora-Rollen steckt.

Der grafisch von Dr. Anca Tudorancea gestaltete, elegante Bildband wird dem-nächst ins Englische übersetzt; des Weiteren soll im Paideia Verlag eine Buchreihe unter dem Titel „Religiöse Kulte in Rumänien“ erscheinen. 18 Glaubensgemeinschaften gibt es laut Opaschi hier-zulande. „Der rumänische Staat respektiert und setzt die großen religiösen Traditionen des Landes in Szene“, betont der Staatssekretär und verweist auf eine Identitätskrise in Westeuropa, „bedingt durch einen Mangel an Kenntnis der eigenen religiösen Geschichte“, etwa in Frankreich, wie der französische Präsident, Emmanuel Macron, bemerkt haben soll. „Wir laden die Kulte zu einem Diskurs mit dem Staat ein“, fordert Opaschi auf. „Ein ermutigendes Modell hierfür ist dieses“, verweist er auf die mit der Vorstellung des Bildbands abgeschlossene Veranstaltungsreihe über jüdisches Kulturerbe in Rumänien.

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