Es war der Kauf von Freiheit (III)

Gespräch mit Dr. Heinz Günther Hüsch, dem deutschen Verhandlungsführer beim Freikauf der Rumäniendeutschen

Mittwoch, 02. November 2011

Der Anwalt Dr. Heinz Günther Hüsch war von 1976 bis 1989 Deutschlands Verhandlungsführer in der Frage der Familienzusammenführung von Rumäniendeutschen. Die Verhandlungen erfolgten mit Vertretern der Securitate. Rumänien hat sich das Erteilen von Ausreisegenehmigungen mit Millionen DM bezahlen lassen. Und nicht nur. Im Folgenden ein weiterer Teil des von Hannelore Baier am 6. Oktober 2011 mit Dr. Hüsch geführten Interviews.


Wie dem Dokumentenband „Recuperarea“ zu entnehmen, hat die deutsche Seite auch verschiedene „Sonderwünsche“ wie Pkws, Ausstattung für Zahnarztpraxen usw. geäußert...

Zu meiner Überraschung erklärt der Verhandlungsführer Gheorghe Marcu im Zusammenhang mit dem Vertrag, der dann im März 1970 in Stockholm unterzeichnet wurde, er möchte auch noch ein paar Pkws haben. Er nannte sie auch, ein Mercedes 220 war dabei. Der repräsentative Mercedes war inzwischen 280 S oder SE. Auf meine Frage, wieso ein Mercedes, sagte er: Der ist für die höchste Stelle. Number one.

Die anderen seien für rumänische Diplomaten und Personen, die mit der Abwicklung dieses Vertrages zu tun haben. Ich habe Staatssekretär Gerd Lemmer empfohlen,  den Wunsch zu erfüllen. Wir hätten die Ausreisen auch ohne diese „Lieferung“ erzielt, aber wir wollten auch ein gewisses Wohlwollen erzeugen. Also entschieden wir, dem Wunsch nachzukommen, wenn die rumänische Seite die Vereinbarungen für 1969 erfüllt. Das war zunächst nicht geschehen – und die Autos wurden auch nur ein Jahr später geliefert.

Die Autos habe ich auf meinen Namen gekauft und sie wurden in Neuss von einer ganzen Brigade rumänischer Fahrer abgeholt. Der Mercedes hatte rotes Polster, Kühlschrank, Fernsehen – damals schon. Es gab auch andere Wünsche. Zum Beispiel nach Jagdgewehren. Stelian Andronic spricht (in seinen Erinnerungen „Secretul Trandafirului“, Bukarest 2010 – Anm. HB) von einem. Den Wunsch nach drei Gewehren habe ich früher schon erfüllt.

Die Autos und sonstigen Wünsche wurden aus Zusatzmitteln zu den Zahlungen bestritten?

Wir waren darauf angewiesen, dass unsere unmittelbaren Gesprächspartner keinen Vorwand fanden, die Gespräche nicht fortzusetzen, und dass man ihnen auch den einen oder anderen Erfolg zuspielte. Die fünf Autos für 100.000 DM fielen für uns nicht so sehr ins Gewicht. Es war gemessen an dem, was nachher lief, wenn es lief.

Eines Tages sagte einer der Verhandlungspartner, er brauche zwei oder drei Jagdgewehre der Marke Holland. Das waren Gewehre für Großwildjagd. Ceauşescu reiste zu einem Staatsbesuch nach Togo und nach Berichten an mich auch in der Absicht, auf Großwildjagd zu gehen – wozu er auch eingeladen war. Er war ja bekanntlich leidenschaftlicher Jäger.

Die Gewehre sollten ursprünglich in Frankfurt am Flughafen am Tarom-Schalter abgegeben werden. Nun kommt plötzlich ein Anruf von Martinescu, er sei in Köln und wisse nicht weiter, ich soll ihn am Kölner Flughafen abholen. Da stellte sich heraus, er war geschickt worden, um die Jagdwaffen von Neuss nach Paris zu bringen. Das war ein Unternehmen erster Güte! Damals gab es starke Auseinandersetzungen um Tunesien und zahlreiche Anschläge in Paris.

Und dann sagte er, er möchte auch noch 2000 Schuss Munition haben. Auch die wurden über Nacht besorgt. Am nächsten Morgen sind wir mit Hilfe meiner Sekretärin, Frau Kies, der einzigen Sekretärin, die mit der Sache betraut und vertraut war, und übrigens meine Schwester ist, nach Paris gefahren, im Kofferkasten die Jagdwaffen mit Munition. Wie der Zufall es will, gab es an der französischen Grenze Kontrolle.

Es standen Landtagswahlen an und ich hatte am Wagen hinten CDU. Als ein farbiger Franzose den Kofferkasten sehen wollte, hab ich zunächst auf das CDU-Schild gezeigt – CD konnte ja auch corp diplomatique sein – und sagte zu den Koffern „bagage diplomatique, bagage diplomatique“. Der Grenzer gab sich damit zufrieden. In Paris raste Martinescu in die rumänische Botschaft rein, kam mit drei Leuten raus, leerte ruckzuck den Kofferkasten und sagte, wir sollen sofort losfahren.

Wir haben an dem Tag auch verhandelt, aber erst einige Stunden später. So kamen die Jagdgewehre für Number one nach Paris.

Das Gewehr, das Andronic erwähnt, hat er ausdrücklich auch für Number one verschafft, und auch das haben wir bezahlt. Er erklärte später, ich hätte gesagt, das sei bezahlt. Ja, ist bezahlt, hab ich ihm gesagt. Wir würden doch bei keinem anderen Staatsmann eine Sekunde zögern, ihm ein Jagdgewehr zu schenken, schon gar nicht bei ihm.

Laut „Recuperarea“ ist ein Teil des Geldes, das die rumänische Seite erhielt,  für den Ankauf von Abhörtechnik genutzt worden.

Das ist bei mir nie angefordert worden und haben wir auch nicht geliefert. Konnten wir aber auch nicht beeinflussen. Die Zahlungen erfolgten zunächst in bar. Da haben sie sich dann oft Geld reservieren lassen und gesagt, nun zahlen Sie uns so und soviel aus und hinterlegen auf einem Sonderkonto den Betrag x für Beschaffungen.

Ich habe verlangt, dass uns die Rechnungen über die Beschaffungen vorgelegt werden, was sie getan haben, und da stand nichts, was unter Embargo für Ostblockstaaten stand, darauf haben wir geachtet. Geholfen habe ich beim Ankauf von Zahnarzttechnik, Blutmessgeräten, usw. Diesbezüglich gab es eine Festlegung: keine geheimtechnischen Mittel, nichts was unter Embargo fällt, kein Geschäft mit Lebenden auf den Tod hin. Man wollte von uns auch bestimmte Personen haben.

Sie haben die Quellenedition „Recuperarea“ durchgesehen. Welches ist Ihre Meinung dazu?

Meine Rumänischkenntnisse reichen nicht aus, um präzis zu sagen, was da drin steht. Ich habe bestimmte Vergleiche gemacht nach Daten und einiges auch verstanden. Meine Hauptbewertung: Es ist verdienstvoll, dass das Buch erschienen ist. Für mich besonders, weil Barzahlungen eingeräumt werden. Dafür gibt es jetzt eine offizielle Bestätigung, die ich bisher nicht hatte.

Es wird auch weitgehend übereinstimmend das Zustandekommen von Vereinbarungen geschildert. Was nicht übereinstimmt, sind die Lücken in „Recuperarea“. Die sind schon ganz ordentlich und beziehen sich immer auf die Sonderleistungen. Und sie machen nicht deutlich, welchen methodischen Druck die rumänische Seite ausgeübt hat und welche außenpolitische Bezüge es gab. Es wird überhaupt nicht berichtet von den vielen anderen Fragen, die außerhalb der eigentlichen Familienzusammenführung erörtert wurden.

Zum Beispiel?

Die Darlehensgeschichten werden nicht oder nur dürftig berichtet. Zum Beispiel wird der Wunsch nach Kokslieferungen nicht erwähnt. Die rumänischen Verhandlungsführer wollten 50.000 Tonnen Koks von uns haben, zu einem Zeitpunkt,  zu dem sich Koks merkwürdigerweise in Europa verknappt hatte. Dann wollten sie einen Wagen für Filmvorführungen in der Landschaft, angeblich um damit das bevölkerungspolitische Programm zu popularisieren.

Es gab eine Überschwemmungskatastrophe, da haben sie umfangreich technische Hilfe erbeten und auch bekommen. Dann gab es ein Erdbeben, da wurde eine Feuerwehrleiter für 70 Meter Höhe geliefert. In unseren Verhandlungen aber ist auch ermöglicht worden, dass die deutschen Kriegsgräber aufgesucht und gepflegt werden konnten.

Das hat auch seine Zeit gedauert. Gesprochen haben wir über Paketlieferungen, die Unterstützung des Deutschen Theaters in Temeswar. Ich machte den Vorschlag, ein deutsch-rumänisches Lexikon zu erstellen, in dem auch die moderne technische Sprache enthalten war, denn es schien mir nicht unwichtig, den in Rumänien verbliebenen Deutschen den Zugang zur aktuellen deutschen Sprache zu eröffnen.

Letztlich gab es 1986/87 eine große Lebensmittelknappheit und da habe ich nach ausdrücklicher Abstimmung mit Kanzler Kohl ein großes humanitäres Angebot gemacht, das umfasste folgende Grundzüge: Wir liefern der rumänischen Seite hochwertige Lebensmittel und Arzneimittel, allerdings in verbrauchergeeigneter Verpackung, also Öl in 1-Liter-Flaschen und nicht 100-Liter-Kanistern, nach Möglichkeit direkt an die verteilenden Stellen, sodass das Material nicht in den Lagern der rumänischen Armee verschwindet oder gar noch verkauft wird.

Die deutschsprachigen Gebiete haben wir nicht zur Bedingung gemacht. Wir hätten uns das bezahlen lassen wollen in Lei – die nichts wert waren – und die hätten wir bei der rumänischen Nationalbank tesauriert, um mit diesen Lei-Beständen Unterstützungen zu leisten. Es gab ja viele, die zurückgeblieben waren oder in Armut lebten. Auch hatten wir die Idee, wir bauen mit diesem Geld und zusätzlicher Währung Altenheime und Sozialzentren der verschiedensten Art.

Der Hintergund war der, den zurückgebliebenen älteren Deutschen, die nicht mehr die Kraft hatten, die Ausreise zu betreiben, eine Bleibe zu bieten. Da hatten wir zur Bedingung gemacht, es soll keine Einrichtung der Staatspartei sein. Das ist dem rumänischen Verhandlungsführer Anghelache vorgetragen worden und deswegen bin ich extra nach Bukarest gereist. Und hab unsere Angebote bei den Gesprächen in Deutschland nochmals wiederholt. Die Angebote wurden abgelehnt. Ceauşescu hat in dem Gespräch mit mir im August 1988 diese Ablehnung eindeutig wiederholt, allerdings nicht unter Bezug auf unser Anerbieten. Ich weiß nicht, ob er das kannte, ich nehme es aber an.

Die jüdische Gemeinde hatte aber ein eigenes Altenheim, der war es gestattet worden.

Wir haben versucht – und ich tat es auch im Gespräch mit Ceauşescu im Oktober 1988 – ähnliche Regelungen zu erzielen für die deutsche Gemeinschaft, wie sie für die jüdische Gemeinde galten. Nun waren die sich jedoch nicht ganz so ähnlich. Letztlich glaube ich, haben wir mehr an „Leistungen“ erbracht und auch die Ausreise von mehr Personen erzielt.

Aber uns lag die jüdische Methode nicht. Von offizieller rumänischer Seite wurde mir gesagt, Ceauşescu werde von ihnen zum Neujahrsempfang ein Umschlag überreicht. Ceauşescu hat eine Ungleichbehandlung und auch den Vertrag selbstverständlich abgestritten.

Im Interview mit Ernst Meinhardt berichten Sie, es habe vor den offiziellen Verhandlungen inoffizielle Gespräche gegeben – aus denen im offiziellen Treffen nicht zitiert werden durfte. Wurden die „inoffiziellen“ Informationen dann nicht doch irgendwann gegen den Verhandlungspartner eingesetzt? Die rumänische Seite leitete diese Informationen auch weiter ...

Das mag durchaus sein. Zur Erläuterung: Es gab die offiziellen Gespräche, die wurden in der Regel in Deutsch und Rumänisch geführt, vom Dolmetscher übersetzt. Es gab auch Teile der offiziellen Gespräche, die nur in Englisch geführt wurden, wenn grade mal ein Dolmetscher nicht zur Verfügung stand. Außerhalb dieser formellen Gespräche fanden eine Menge andere Begegnungen statt.

Zum Teil waren sie von rumänischer Seite aber auch herbeigeführt worden, zum Teil dienten sie dazu, den Verhandlungsablauf zu definieren. Der Kern der Vereinbarung war, wenn in einem solchen Gespräch die rumänische Seite etwa ein Entgegenkommen angekündigt hatte, etwas durchblicken ließ, dann durfte ich das in der offiziellen Verhandlung nicht zitieren.

Für mich ist der Hintergrund klar: Es ging um das Klima der Verhandlung – aber auch um die Abhörtechnik. Manches wollten sie einfach nicht wissen lassen. Uns kam diese Methode auch sehr entgegen, weil wir unsererseits die Chance hatten, was erkennen zu geben, oder etwas zu lancieren, von dem wir erwarteten, dass es in die höhere rumänische Staatsführung eingespeist wurde. Es ist also nicht überraschend, wenn aus den inoffiziellen Gesprächen ebenfalls berichtet wird. Mein Mandant ist übrigens auch über alle Themen – wenn es solche waren – von mir schriftlich und mündlich unterrichtet worden.

Wie großes – oder wenig – Vertrauen hatten Sie in die rumänischen Verhandlungspartner?

Als Anwalt habe ich nie Vertrauen in die Gegenseite. Ich hatte später Vertrauen, dass das, was mir die Dolmetscher außerhalb der offiziellen Verhandlungen sagten, dass das stimmt. Ich habe auch später in die Ermächtigten der Verhandlungsführung Vertrauen gehabt, in die Verhandlung mit „Minister Drăgan“, die zum Teil im Gebäude des Ministerrates stattgefunden hat, zum Teil in der rumänischen Botschaft in Köln. Da hatte ich das Vertrauen, dass das, was er sagte, wohl auch zutreffend war – unser Thema betreffend. Wenn Sie fragen, ob ich da persönliches Vertrauen entwickelt hätte: Nein.


TEIL I


TEIL II


TEIL IV

Kommentare zu diesem Artikel

Vander Weise, 03.11 2011, 00:02
Schon interessant-aber nicht über die Aussied- lungen ab 1949-Gründung der BRD- nu für ehemalige SS-Leute- du verratetst eine deiner Kollegen und deine Eltern beimzweiten Verrat auch Rest der Familie- und so wurden die EX-SS Informanten der UdSSR und Komunismul, gibt Belege auch bei CNSAS und Staatsarhiv und Parteiarhiv.

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