„Mein Lebensmotto: Tue Gutes und du erfährst Gutes“

Dr. Aurel Vainer, Präsident der jüdischen Gemeinschaften – ein Vorbild für den interkulturellen, interreligiösen Dialog

Dienstag, 03. April 2018

Dr. Aurel Vainer (rechts) über Patriarch Daniel: „Wir sind echte Freunde.“
Fotos: George Dumitriu

Feierliche jüdische Zeremonie im Coral-Tempel: Die Tora-Rollen werden aus dem heiligen Schrein geholt.

Urkunde für den Ehrenbürger der Hauptstadt

Interkonfessioneller Dialog mit Oberrabbiner Rafael Shaffer (Mitte), Patriarch Daniel und Mufti Iusuf Murat (rechts)

Man begegnet ihm Jahr für Jahr bei ProEtnica, dem Festival für Minderheiten in Schäßburg/Sighișoara, wo die jüdische Gemeinschaft stets einen substanziellen Beitrag leistet: Theater, Klezmer-Konzerte, Konferenzen. Erst kürzlich in der Synagoge „Sfânta Unirea“ als Gastgeber des Symposiums über zeitgenössischen Antisemitismus. Oder letzten November im Patriarchenpalast, Seite an Seite mit dem Oberhaupt der Rumänischen Orthodoxen Kirche, zur Eröffnung der Ausstellung „Synagogen und Tempel in Rumänien “. „Wir sind echte Freunde“, betont Dr. Vainer und erzählt, wie ihm Patriach Daniel beim Gang zum anschließenden Essen sogar seinen Stock angeboten hatte. Auch der päpstliche Nuntius und der muslimische Mufti zeigten sich herzlich auf dieser Vernissage, oder später im Nationalen Geschichtsmuseum. Man spürt, interethnischer und interreligiöser Dialog sind hier keine leeren Worte, sondern gelebte Realität.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinschaften Rumäniens (FCER), Dr. Aurel Vainer, ist einer, die sie aktiv fördert und immer wieder vorlebt. „Gegenseitiges Kennen ist wichtig für gegenseitige Anerkennung“, motiviert er seine Bemühungen, die Anfang 2018 durch die Verleihung des Ehrenbürgertitels der Hauptstadt für seine Verdienste im Kampf gegen Antisemitismus und Fremdenhass gekrönt wurden.

Konstruktiver Dialog war schon immer die Stärke des gutmütig wirkenden 86-Jährigen. Konflikte schlichten, Spannungen abbauen, dieses Talent konnte er auch als Minderheiten-Abgeordneter beweisen. Früh hatte er dies als wichtig erkannt und bewusst kultiviert. Sein Lebensmotto ist ein jüdisches Sprichwort: „Tue Gutes und du erfährst Gutes“. Selbst in schweren Zeiten hatte es sich für ihn immer wieder bewährt.

Kindheit im jüdischen Schtetl

„Schon mein Vater lebte nach diesem Grundsatz“, erzählt Vainer aus seiner Kindheit im Schtetl, in Ștefanești am Prut, an der Grenze zur Republik Moldau, wo er 1932 als jüngstes von sieben Kindern geboren wurde. Die Kindheit verbrachte er in einer jüdischen Gemeinschaft von etwa 3000 Mitgliedern. Die Familie galt als wohlhabend, besaß Land und ein großes Haus. Der Vater war als Viehhändler tätig und belieferte seine Brüder, die in Bukarest einen Fleischgroßhandel betrieben, mit Kühen aus der Moldau. Die Mutter widmete sich den Kindern, von denen sie sich später stolz rühmte, dass alle das Abitur schafften, fünf studierten und vier den Doktortitel erwarben, obwohl die Eltern nur vier Klassen absolviert hatten.

Risse bekam diese kleine, heile Welt mit dem Zweiten Weltkrieg. Auf Anordnung Antonescus, so Dr. Vainer, wurden die Juden aus den Dörfern in die Kreishauptstadt deportiert. „Es war kein Ghetto, wir durften uns frei bewegen, doch unter Kontrolle“, erläutert er. Das Haus, der Kornspeicher und 16 Hektar Land wurden beschlagnahmt und das Reisen, berufliche Grundlage vieler Handel treibender Juden, war fortan untersagt. Mit drei Kühen, die der Familie das Überleben sichern sollten, zogen die Vainers nach Botoșani. Aurel war zehn, als sich sein Leben schlagartig änderte: Täglich musste der Junge die Kühe kilometerweit zum Weiden treiben. Eines Tages, erinnert er sich, ereignete sich eine Tragödie: Auf dem Weg starb ausgerechnet die allerbeste Kuh, eine große der Rasse Simmental, die fast täglich 30 Liter Milch gab! „Das Leben war schwer in Botoșani“, seufzt Vainer. „Doch jetzt kommen wir zu dem Punkt, wo ich sage, dass sich das jüdische Sprichwort ‘Tue Gutes und du erfährst Gutes’ bewahrheitet“.

1942 sollte die Familie plötzlich zurück. Doch die Eltern hatten beschlossen, zu den Verwandten nach Bukarest zu ziehen und nur in der Stadt konnte man um die Reiseerlaubnis ansuchen. Da kam ein Zufall gelegen: Weil der Vater 1937 für einen pleite gegangenen Schwager eine Firma in Botoșani gegründet und eine Wohnung auf seinen Namen angemietet hatte, konnte er Wohnsitz und Firma nachweisen und durfte bleiben. Das nächste Problem war, die Reiseerlaubnis zu erlangen. Wieder ereignete sich ein Zufall, der den Jungen tief beeindruckte: In der Stadt traf der Vater auf einen ehemaligen Nachbarn, ein Rumäne, der inzwischen Subpräfekt geworden war. Dieser stellte der Familie, die er stets geschätzt hatte, sofort die Reiseerlaubnis aus und schickte sogar eine Begleitperson von der Präfektur zum Schutz mit auf die Reise. „Das verstärkte in mir die Überzeugung, immer Gutes zu tun und zu allen gute Beziehungen zu pflegen, denn dann schätzen dich die Menschen, egal wer du bist“, bekennt Vainer.

Vom Holocaust zum Kommunismus

Auch in Bukarest war das Leben nicht leicht. Zu allem Überfluss wurde der Vater plötzlich zur Zwangsarbeit einberufen. Die Mutter war verzweifelt! An körperliche Arbeit war der Mann nicht gewöhnt – und wie sollte die neunköpfige Familie ohne ihn zurechtkommen? „Wir wohnten damals in der Strada Mântuleasa, meine Mutter ging in die Strada Plantelor, als auf einmal ein Mann hinter ihr her rief: ‘Doamna Beti!’ Es war Gheorghe, Soldat und Ordinanz eines Offiziers, der in Ștefanești eine Weile in unserem Haus gewohnt hatte.“ Damals wurden rumänische Soldaten bei Privatleuten einquartiert, fügt er erklärend an. „Er hat bei uns das beste Zimmer bekommen, und weil er meist zuhause war, hat er viel Zeit mit Mutter in der Küche verbracht und sie haben sich angenehm unterhalten.“ Frau Vainer, überrascht über das Wiedersehen, klagte ihm ihr Leid. Und zu ihrer Überraschung hatte Gheorghe eine Lösung parat: Über seinen Vorgesetzten ließ er ein Attest ausstellen. Darin stand: „Herr Ionas Vainer aus Ștefanești hat sich stets vorbildlich gegenüber rumänischen Soldaten verhalten.“ Am Folgetag erhielt der Vater die Befreiung von der Zwangsarbeit. Und wieder staunt der Junge, dass sich das Sprichwort bewahrheitet hatte. „Die Rettung kam diesmal von einem einfachen Soldaten!“

Ansonsten hatte man den Holocaust in Bukarest nur durch Verbote erlebt, bemerkt der Präsident der Jüdischen Gemeinschaften. Auch in Botoșani hatte es keine Transporte in Vernichtungslager gegeben, fügt er an, denn aus der Moldau, die zum rumänischen Altreich gehörte, wurde nur aus Dorohoi und Umgebung deportiert. Im Gegensatz zu Siebenbürgen und der Maramuresch, wo das ungarische Regime die Juden in Ghettos zusammentrieb und nach Auschwitz oder Birkenau schickte. „Als in Ungarn die Deportationen begannen, haben sie zuerst die siebenbürgischen Juden geopfert. 130.000 landeten in Auschwitz, nur 15.000 kamen zurück. In knapp einem Monat war Siebenbürgen judenfrei!“ schockiert Vainer. „Unter Antonescu gab es zumindest keine Endlösung“, räumt er ein. „Zwar war 1943 für alle Juden aus Rumänien die Deportation in Vernichtungslager nach Polen vorgesehen, doch es kam nicht mehr dazu. Der Diktator hatte seine Politik geändert und holte auch nach Transnistrien deportierte Überlebende zurück.“

Der Zweite Weltkrieg war zu Ende. Doch der Kommunismus brachte nur wenig Erleichterung: „Mein schwarzer Punkt war meine soziale Herkunft, also, dass ich kein Proletarierkind war“, vermittelt Vainer. Er studierte Wirtschaft, forschte und unterrichtete an der Bukarester Wirtschaftsuniversität, doch obwohl er die zweitbeste Doktorarbeit abgeliefert hatte, dauerte es ganze zwölf Jahre, bis er endlich den Titel erhielt. Erst nach der Wende avancierte er zum Forscher ersten Grades, was dem Rang eines Universitätsprofessors gleichkam, wurde Vizepräsident der Handelskammer. „Ich passte nicht ins politische Schema des Kommunismus“, erklärt er und fügt nachdenklich an: „Das sind Dinge, die einen zeichnen. Trotzdem hab ich mein Schicksal immer angenommen.“

Mit 72 ins Parlament

Nach der Pensionierung 2005 hatte man Vainer überredete, sich zum Vertreter der jüdischen Minderheit aufstellen zu lassen. Mit 72 Jahren wurde er sogar zum Abgeordneten gewählt, eine Funktion, die er zwölf Jahre lang inne hatte. Diesen Erfolg führt er auf das Aufwachsen in der Großfamilie zurück: „Du bist gezwungen, viele Kontakte zu pflegen, von allen Seiten erfährst du Neues – das kann die Ein-Kind-Familie nicht leisten.“ Zudem sei es in der jüdischen Gemeinschaft üblich, ein weitreichendes Beziehungsnetz zu pflegen. Schon 1948, als die jüdischen Schulen geschlossen wurden, merkte er, wie ihm dies zugute kam. In der rumänischen Schule gliederte er sich rasch ein und wurde zwei Monate später sogar zum Klassensprecher gewählt.

Auch das Fehlen von Neid, in der Großfamilie verinnerlicht, war ihm stets von Nutzen. Lächelnd illustriert er: „Von einem einzigen Huhn, das meine Mutter gekocht hatte, erhielten der Älteste und der Jüngste die Brust, ein Bruder die Flügel, eine Schwester das Herz, usw. Keiner hat je gemurrt, denn das hätte Mutter nicht geduldet!“ Und auch, dass er erst mit 13 den ersten neuen Anzug bekam, sonst „erbte“ er von den Brüdern.

Gastfreundschaft war großgeschrieben im Schtetl, erinnert sich Aurel Vainer gern. Egal wer ins Haus kam, es wurde jüdischer Honigkuchen, Lekach, aufgetischt, ein Schnäpschen oder für Frauen Rosenmarmelade mit Wasser. Auch das Schtetl hat ihn nachhaltig geprägt, davon ist der 86-Jährige überzeugt.

Heute sind nicht nur Großfamilien aus der Mode gekommen, bedauert er. Auch die jüdische Erziehung, die er noch genossen hatte, gibt es schon lange nicht mehr. Im Schtetl war es selbstverständlich, schon im Kindergarten Lesen zu lernen, „ein Riesenvorteil im Vergleich zu den rumänischen Kindern, die sich in der ersten Klasse erst mit dem Alphabet abmühten.“ Lernen gehörte zur jüdischen Tradition, man wurde ständig dazu angehalten. Die Großfamilie leistete dazu einen wichtigen Beitrag. „Die Geschwister ziehen sich praktisch gegenseitig auf.“ Amüsiert fügt er an, wie er als einziger Nicht-Mediziner trotzdem beachtliche Anatomiekenntnisse erworben hat: „Wir schliefen zu zweit in einem Bett, und wenn einer meiner Brüder abends lernte, dann las ich automatisch mit.“

Metamorphose einer Gemeinschaft

Jüdisches Leben verändert sich nicht nur, auch die Gemeinschaft schrumpft: Etwa 7000 Mitglieder gibt es heute landesweit, gemischte Familien mitgezählt. Rechnet man im strengen Sinne nur die Nachkommen einer jüdischen Mutter, kommt man auf knappe 4500. Auch Jiddisch wird so gut wie nicht mehr gesprochen. Im Schtetl noch üblich – „es gab sogar einige Rumänen, die Jiddisch konnten“, überrascht Vainer - ist auch seine Familie in Bukarest auf Rumänisch übergegangen. „Und Hebräisch können paradoxerweise mehr Rumänen als Juden“, fügt er schmunzelnd an. „Das sind die, die nach der Wende Arbeit in Israel fanden.“

Als wichtige Mission betrachtet er heute, die Jugend um sich herum im Sinne seiner Werte zu formen. Aber auch, die Erinnerung an die jüdische Gemeinschaft von einst am Leben zu erhalten. Synagogen werden restauriert, zu Gedenkstätten, Kulturhäusern, Begegnungszentren umfunktioniert, als touristische Sehenswürdigkeiten der Allgemeinheit zugänglich gemacht. „Gegenseitiges Kennen ist wichtig für gegenseitige Anerkennung“, lädt Dr.Aurel Vainer auf den Veranstaltungen ein, die er unermüdlich initiiert, moderiert oder persönlich begleitet, trotz seiner 86 Jahre. Ein Vorbild für den interkulturellen, interreligiösen Dialog.

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