„Rumänien ist spektakulär im Kleinen“

Gespräch mit Annette Königes, Reiseführerin in Deutschland und Rumänien

Mittwoch, 29. August 2018

Annette Königes während eines Familienurlaubs in Kleinschenk. Ende August wird sie erneut deutsche Touristen durch Siebenbürgen
Foto: Laura Căpățână-Juller

Wer Wurzeln schlagen will, sollte den Boden gut kennen. Dieses Motto begleitet die gebürtige Zeidnerin Annette Königes, seitdem sie beschlossen hat, München zu ihrer Stadt zu machen. Aus Neugier über den Ort,  in dem sie sich eine neue Existenz aufgebaut hat, nachdem sie aus Rumänien ausgewandert war, wurde Leidenschaft. Heute führt sie Touristengruppen durch die bayerische Hauptstadt. Doch nicht nur München liegt ihr am Herzen. „Ich habe mehrere Lieben“, meint Königes. Die andere Liebe heißt Rumänien. Seit diesem Jahr entdeckt sie zusammen mit deutschen Reisegruppen ihr Heimatland. Dafür hat sie sich ein spezielles Konzept ausgedacht: Während der Reise lernt man nicht nur Orte und deren Geschichte kennen, sondern trifft auch interessante Leute, die Projekte in der Region entwickeln. Diese Begegnungen sind das Schönste, mit dem man anschließend von der Reise wieder nach Hause zurückkehrt. Über den langen Weg, der sie zu ihrer großen Leidenschaft geführt hat, und über die täglichen Herausforderungen eines Berufs im Tourismusbereich sprach mit Annette Königes ADZ-Redakteurin Elise Wilk.

Frau Königes, Sie sind während des Kommunismus gleich nach dem Abitur nach Deutschland ausgewandert. Es waren mehrere Schritte und Etappen, die sie schließlich auf ihren Berufsweg geführt haben. Wollten sie eigentlich Tourismus studieren?

Nein, eigentlich bin ich Diplombiologin, habe jedoch nie in diesem Bereich gearbeitet. Mein Traum war es, Medizin zu studieren, aber dafür reichte meine Abschlussnote nicht. Ich habe drei Söhne, also war ich nach Abschluss des Studiums ein paar Jahre lang nur Mutter. Während dieser Zeit habe ich aber immer wieder nachgedacht: Was könnte ich machen? Eine Zeit lang arbeitete ich als Ernährungsberaterin beim Schwabinger Krankenhaus in München. Parallel dazu hatte ich angefangen, mich ehrenamtlich zu engagieren bei der Gemeinschaft der in Deutschland lebenden Zeidnern. Mein Mann, Hans Königes, war als Chefredakteur der Zeitschrift „Zeidner Gruß“ und als Münchner Nachbarvater tätig, und ich half ihm bei der Gestaltung der Zeidner Regionaltreffen. Dann kam plötzlich das Angebot, das Zeidner Treffen in Friedrichsroda zu moderieren. Ich habe gedacht: „Nein, das kann ich nicht“. Aber habe trotzdem nicht „Nein“ gesagt. Dann habe ich bemerkt, dass mir das Moderieren Spaß macht. Und das, obwohl ich in der Schule eher schüchtern war und nie ein Gedicht vor einem Publikum aufgesagt habe. Ich habe nie vorne stehen wollen. Für die Veranstaltung habe ich mich aber wahnsinnig gut vorbereitet und dann habe ich gemerkt, dass ich mich auf der Bühne gut fühle. So habe ich begonnen, in die Öffentlichkeit zu gehen. Das war ungefähr im Jahr 2000. Es folgten mehrere Moderationen bei verschiedenen Veranstaltungen, auch den großen Siebenbürgenball habe ich mehrmals moderiert.

Auch auf musikalischer Ebene waren Sie aktiv.

Ja, in meiner Jugend habe ich sehr viel gesungen – im Jugendchor, im Mädchensingkreis, beim Gitarrenkränzchen, es war damals ein reiches kulturelles Leben in Zeiden. In den 70er Jahren waren wir mit dem Chor sogar in Österreich. Ich weiß nicht, wie wir es geschafft haben, hin zu kommen. Damals hatten wir eine sächsische Bürgermeisterin, vielleicht war es ihr Verdienst. Der Chorleiter hat eines Tages zu uns gesagt: „Bereitet euch vor, wie fahren ins Ausland!“. Wir waren sehr aufgeregt. Man durfte uns nicht sagen, wohin wir fahren, und alle dachten, es wird in die DDR gehen. Ebenfalls wussten wir nicht, wer von uns mitkommen darf. Wir ahnten es jedoch: Diejenigen, die Verwandte im Westen hatten, konnten auf keinen Fall mitfahren. Meine Mutter war gerade in Deutschland, da meine Großmutter im Sterben lag. Danach kam sie zurück, und ich habe den Pass bekommen. Der Lehrer hat dann eine Liste vorgelesen. Wer auf der Liste war, durfte mit, es waren etwa zwei Drittel des Chors.

Nach vielen Jahren habe ich mich dann erinnert, wie viel Spaß mir das Singen einst gemacht hat. Ich habe einen Münchner Chor gesucht, in dem ich singen konnte, parallel dazu habe ich Gesangunterricht genommen. Auch an meiner musikalischen Fähigkeit habe ich gezweifelt. Nachdem ich dann zum ersten Mal als Solistin aufgetreten bin, habe ich gedacht: „Vielleicht ist wirklich was dran“. Ich habe oft vor vollem Saal gesungen, musikalische Events organisiert.

Mein Weg war mühsam, weil ich immer so an mir gezweifelt habe. Aber ich war immer auf der Suche nach etwas, was mir Genugtuung gibt. Und immer hatte ich Unterstützung von meiner Familie.

Wie kam es dazu, dass Sie zu ihrem jetzigen Beruf fanden?

In der „Süddeutschen Zeitung“ habe ich eine Notiz gelesen. Es wurden Kurse zur Münchner Stadtgeschichte geboten. Am Ende gab es eine Abschlussprüfung und man konnte ein Zertifikat erhalten. Damals war ich 50 Jahre alt. Es war Zeit, eine neue Lebensetappe zu beginnen. Ich dachte: „Ich lebe so lange in München, ich möchte mehr über die Stadt erfahren“. Später bemerkte ich: Es war genau das Richtige. Es war das Beste, was ich machen konnte, es hat sich schnell zur Leidenschaft entwickelt. Den ersten Job bekam ich bei den Münchner Stadtrundfahrten, wo ich den Touristen interessante Fakten über die Stadt verraten konnte. Doch bei den Bustouren waren es immer dieselben Informationen, immer dieselben Routen: Es drohte, zur Routine zu werden.

Dann habe ich mir etwas anderes ausgedacht. Ich engagierte mich ja sowieso für die Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen in München. So kam ich auf die Idee, den Leuten jeden Monat eine Stadtführung zu einem anderen Thema zu bieten, unter dem Motto „Wer Wurzeln schlagen will, sollte den Boden gut kennen“. So habe ich verschiedene Führungen organisiert, zu Themen wie Jugendstil, moderne Architektur, Jüdisches München, Englischer Garten. Und ich denke mir immer neue Themen aus. Anschließend an die Führung gehen wir immer in ein Restaurant oder eine Gaststätte und diskutieren weiter. So lernt man auch Münchner Lokale kennen und, was am wichtigsten ist, man lernt andere Menschen mit gleichen Interessen besser kennen, schließt Freundschaften. Inzwi-schen hat sich für die Führungen ein Stammpublikum entwickelt. Es sind auch Leute, die aus anderen Städten speziell für die Führung kommen. Ich habe selber dabei enorm gelernt.

Sie sind 1981 aus Zeiden ausgewandert. Wann kamen Sie das erste Mal wieder zurück?

2003 bin ich zum ersten Mal wieder zurück, nach 22 Jahren. Am Anfang habe ich gedacht: es ist erledigt mit Rumänien, jetzt leben wir in Deutschland. So sind die Jahre vergangen. 2003 feierte man 60 Jahre Zeidner Nachbarschaft in Ludwigsburg, der Pfarrer und der Kurator aus Zeiden waren dabei. Er hat uns von unserem Heimatort erzählt, und wir haben beschlossen: Wir müssen mal wieder hin.

Wie war das Wiedersehen nach so vielen Jahren?

Es war eine gemischte Erfahrung. Auf der Straße trafen wir keinen einzigen bekannten Menschen. Wir haben unseren Kindern gezeigt: Da hat der Freund gewohnt, da hat der andere Freund gewohnt. Den Kindern, die weder Rumänisch noch Sächsisch sprachen, und kaum verstanden haben, was wir mit unseren Bekannten sprachen, hat es trotzdem so gut gefallen, dass sie gefragt haben: Können wir nicht länger bleiben?

2004 fand die Zweite Zeidner Begegnung statt, es sind sehr viele Leute gekommen, im Kulturhaus gab es ein vielfältiges Programm. An diesen Tagen ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass wir auch viel verloren haben, als wir beschlossen haben, auszuwandern. Wir haben Freiheit gewonnen, ein bisschen Wohlstand, und haben das als Gewinn betrachtet. Wir haben unser Leben in Deutschland aufgebaut. Doch dabei haben wir andere Sachen verloren. Ich erinnere mich jetzt noch, ich stand am Zeidner Waldbad und habe geheult wie ein Schlosshund. Es ist mir klar geworden, dass wir immer dabei sein werden, an allen Aktivitäten der Siebenbürger in Zeiden.

Die Urlaube im Heimatland haben Sie dann auf die Idee gebracht, deutsche Reisegruppen durch Rumänien zu führen.

Wenn ich jemandem erzählte, dass ich Reiseführerin bin, fragten sie: Warum führst du denn nicht deutsche Gruppen durch Rumänien? Es gibt eine große Nachfrage an Guides, die Deutsch sprechen. Ich brauchte neue Herausforderungen. Bei einer Agentur aus Bukarest haben sie mir Gruppen gegeben, ich habe Führungen in Bukarest organisiert.

Dann hat mir auch Hermann Kurmes, Eigentümer der Pension „Villa Hermani“ in Măgura, angeboten, mit ihm und dem österreichischen Unternehmen Asi-Reisen zusammenzuarbeiten. Im Juni 2018 bin ich zum ersten Mal auf eine Reise mitgefahren, als Lernende. Es war eine Tour, die Wandern und Kultur kombinierte. Wir waren in Hermannstadt, Alba, Turda, Vișeul de Sus, haben die Klöster in Gura Humorului besichtigt, sind dann über Vatra Dornei und Bistritz nach Schäßburg gefahren.

Ich kann mich jetzt noch an die Worte eines Touristen aus Hamburg erinnern, der meinte: „Rumänien ist eigentlich kein spektakuläres Land. Es gibt anderswo höhere Berge, imposantere Schlösser, größere Wasserfälle. Rumänien ist spektakulär im Kleinen: in den Begegnungen mit Menschen, die gastfreundlich sind und das Beste geben, was sie zu bieten haben, in den Traditionen, die man in anderen Ländern nicht mehr antrifft“. So kam ich auf die Idee, dass die Touristen während ihrer Reise so viel interessante Leute wie möglich kennenlernen sollten. Ich habe wieder gesagt: Wenn ich etwas Neues anfange, dann jetzt.

Im Juli haben Sie anschließend an das Zeidner Arbeitscamp ein einwöchiges Natur- und Kulturprogramm organisiert, im Rahmen dessen die Teilnehmer nicht nur schöne Gegenden in Siebenbürgen, sondern vor allem inte-ressante Menschen kennenlernen konnten, die hier Projekte durchführen. Die Reise führte durch Ilieni, Honigberg, M²gura, Törzburg, Zărnești, Micloșoara, Hamruden, Katzendorf, Draas, Kerz, Fogarasch, Kleinschenk und Wolkendorf. Wen konnten die Reisenden treffen?

In Ilieni haben wir den Pfarrer Béla Kató und seine Jugendprojekte kennengelernt, in Honigberg hat uns der engagierte Burghüter Dan Ilica-Popescu interessante Fakten über die Kirchenburg erzählt, und durch die Orgelwerkstatt hat uns die Restauratorin Barbara Dutli geführt. In Măgura am Fuße des Königsteins haben wir einen Tag mit Hermann Kurmes verbracht. In Micloșoara im Szeklerland haben wir Graf Kálnoky getroffen, der uns einen Einblick ins Leben der ungarischen Adligen in Siebenbürgen geschaffen hat.
Im Pfarrhof von Katzendorf hat uns der Schriftsteller Frieder Schuller empfangen, der anschließend in der leeren Kirche von Draas Gedichte gelesen hat. In Kerz hat uns Pfarrer Michael Reger über die Zisterzienserabtei erzählt, in Kleinschenk trafen wir Carmen Schuster, die Vorsitzende des Vereins für Tourismus im Fogarascher Land. Durchs Bärenreservat in Zărnești führte Katharina Kurmes und im Kirchhof von Wolkendorf hat uns Pfarrer Uwe Seidner von seinen Reisen auf den Spuren der Protestanten in Asien erzählt. Während dieser Tage haben wir oft im Freien gepicknickt und kaum ein Restaurant besucht. Es gab Wanderungen, eine Fahrt mit einer Pferdekutsche und ein Besuch bei einer Büffelfarm. Die Teilnehmer waren Zeidner und Freunde von Zeidnern. Manche waren seit 40 Jahren zum ersten Mal wieder in Rumänien. Es hat ihnen sehr gut gefallen.

Jetzt bereiten Sie schon ihre zweite Tour vor ...

Ja, sie beginnt Ende August. Für meine nächsten Touren bin ich weiterhin auf der Suche nach interessanten Leuten, die ich den Touristen vorstellen will. Und ich habe bemerkt: Wenn du gute Leute kennst, lernst du gute Leute kennen. Das Netzwerk spannt sich immer mehr aus. Es sind einfache Menschen, die versuchen, etwas zu machen. Und die Begegnungen mit solchen Menschen prägen die Reisenden noch mehr als es die Schönheit des Landes tut.

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