Von verstaubten Vitrinen zum Erlebnisraum

Diskussion im Schillerhaus: Das Museum im Wandel der Zeiten

Donnerstag, 12. April 2018

Ioan Opriș (v.l.n.r.), Virgil Nițulescu und Ioan C. Opriș diskutieren Museumskonzepte.
Foto: George Dumitriu

Sagt man „Museum“, denkt man „Louvre - Paris“, „Guggenheim – New York“ oder „Eremitage - Sankt Petersburg“. Wussten Sie, dass Samuel von Brukenthal sein naturgeschichtliches Museum im siebenbürgischen Hermannstadt/Sibiu sechs Jahre vor dem Louvre gegründet hatte? Egal. Museen sind seither jedenfalls Trend. Heute ist das Museum aus unserer Erlebniswelt nicht mehr wegzudenken. Es steht als Wirtschaftsfaktor für Tourismus, als kollektive Erinnerung für nationale oder regionale Identität, als Exploratorium für die Vergangenheit, vor allem aber für eine der verbreitetsten Leidenschaften: das Sammeln. Die größten Museen der Welt verdanken ihre Entstehung Sammlern aus Kunst oder Wissenschaft, wobei erst der Akt der Donation das Museum zu einem solchen, einem allgemein zugänglichen Erinnerungsraum macht.

Das Museum – griechisch Mouseion, Ort der Musen – war bereits in der Antike bekannt. Sein Vorläufer? Die berühmte Bibliothek von Alexandria, von Ptolemäus Soter I., dem Nachfolger Alexanders des Großen, gegründet und den neun Göttinnen der Kunst, den Musen, geweiht. Seither hat das Konzept des Museums zahlreiche Transformationen erlebt. Von verstaubten Vitrinen kann heute keine Rede mehr sein. Beeindruckende Besucherzahlen zeigen, Museen sind als Erlebnisraum beliebt wie nie zuvor.

Das Museum kommt in Mode

Über die Rolle des Museums in der zeitgenössischen Gesellschaft diskutierten am 22. März im Kulturhaus Friedrich Schiller der Museologe Dr. Ioan Opriș senior (Nationales Geschichtsmuseum), der ehemalige Direktor des Bauernmuseums, Virgil Nițulescu, aktuell Kabinettdirektor im Kulturministerium und der Archäologe Ioan Carol Opriș junior, Prodekan der Fakultät für Geschichte an der Universität Bukarest. „1793 wurde der Louvre eröffnet, als sich französische Eliten zunehmend Kunst und Kultur zuwandten“, hebt Ioan Opriș an. „Doch erst im 19. Jahrhundert, nach 1848, wurde die Idee des Museums als nationaler Identifikationsraum so richtig populär.“ „Heute sind Museen ernstzunehmende Wirtschaftsfaktoren. Artefakte aus Natur oder Geschichte werden in eigens dafür entworfenen, hypermodernen Gebäuden kontrastreich zur Geltung gebracht: Das raumschiffartige Guggenheim Museum in New York ist selbst ein Kunstwerk. Ebenso das Museum für islamische Kunst in Doha (Katar), ein futuristischer Bau wie ein Kristall. Als Beispiel in Rumänien wird das schlichtere, doch reizvolle Museum von Histria genannt. Als vertane Chance beklagt Opriș, dass nicht mehr Gebäude des Kommunismus zu Museen umgestaltet wurden. Berühmte Freiluftmuseen bieten Raum für Entdeckung: In der Kulturhauptstadt Valletta, Malta, dient eine Megalith-Tempelanlage als bedeutende Einnahmequelle und Anziehungspunkt für Touristen. Das British Museum hingegen verlangt keinen Eintritt: Es lohnt sich dadurch, dass es Touristen in die Gegend lockt, wovon Hotels und Dienstleister profitieren.

Vom Holzlöffel zum Dinosaurier-Ei

Museen gibt es zu den seltsamsten Themen: dekorierte Eier, Salz, Hinterglas-Ikonen, Holzlöffel, Bernstein oder Dinosaurier-Eier. Wer hätte gedacht, dass das Museum für städtische Zivilisation in Kronstadt/Brașov mit seiner Ausstellung zur populären Webkunst eine der bedeutendsten der Welt beherbergt? Oder, dass das Glasikonenmuseum in Sibiel angeblich 200 Mal mehr Besucher anlockt, als alle Museen in Kronstadt zusammen? Als Beispiele für bedeutende Donationen nennt Opriș das Lebenswerk des Bildhauers Ion Irimescu, der der Stadt Fălticeni 200 Skulpturen und 300 Skizzen vermacht hatte. Aber auch das Minovici-Museum in Bukarest mit seiner gesamten Einrichtung, die an die makedonische Medizinerfamilie erinnert. Nicht zuletzt auch Samuel von Brukenthal, der ein ganzes Agentennetz zur Akquirierung wertvoller Stücke beschäftigte. Er hatte zudem eine konkrete Vision für den passenden Ausstellungsraum und ließ für sein Museum einen Palast erbauen. Im Kontrast dazu stehen winzige Privatmuseen, die es hierzulande vielerorts gibt. Geboren aus einer Leidenschaft, sind sie der Öffentlichkeit zwar zugänglich, doch meist nicht offiziell: In einem bewohnten Bauernhaus werden Besuchern in ein bis zwei Zimmern Trachtenpuppen, dörfliche Haushaltsgegenstände, bäuerliche Handwerkskunst oder ähnliches präsentiert. Der Charme dieser Dinge erschließt sich meist über die persönliche Geschichte des Sammlers.

Mehr als nur ein Kuriositätenkabinett

Was ist das Geheimnis eines erfolgreichen Museums? Es muss eine Geschichte erzählen! Ein Museum ist mehr als ein Kuriositätenkabinett oder Lagerort für wissenschaftlich wertvolle Objekte. Es ist ein Ort der Bildung - und Unterhaltung! Damit diese Elemente vereinbar sind, muss es eine Geschichte erzählen. „Die aber wahr sein muss“, betont Nițulescu. „Jede noch so kleine Abweichung disqualifiziert.“

Museen sind Orte der Präsentation - aber auch der Forschung. Was viele nicht ahnen: Die Sammlungen sind meist wesentlich umfangreicher als die zugänglichen Ausstellungen. „Das sind zwei bis fünf Prozent in der Regel“, klärt Nițulescu auf. Der Rest wird gelegentlich für temporäre Ausstellungen hervorgeholt. Manche Objekte werden der Öffentlichkeit nie präsentiert. Sie sind für die Forschung wichtig, doch gibt es berechtigte Diskussionen, ob sie nicht zum Verkauf an andere Institutionen oder interessierte Personen freigegeben werden sollten. Allerdings hat ein Objekt, dass die Öffentlichkeit nicht kennt, keinen Marktwert, gibt er zu bedenken.

Das Museum als Franchise-Unternehmen? Auch diese Idee wurde längst umgesetzt. Guggenheim, Louvre und die Eremitage betreiben Zweigstellen in anderen Städten. Den Louvre gibt es neben Frankreich (Paris und Lens) seit Ende 2017 in Abu Dhabi (Vereinigte Emirate), wo das arabisch-französische Projekt ein Kunst- und Völkerkundemuseum beherbergt. Zweigstellen von Guggenheim-Museen gibt es ebenfalls in Abu Dhabi, ferner in Venedig, Bilbao, Berlin, Vilnius, Helsinki, Las Vegas (USA) und Guadalajara (Mexiko). Die Eremitage betreibt einen Ableger in Amsterdam.

Manche Museen haben kultischen Charakter: „Sie werden fast wie Tempel, wie religiöse Orte betrachtet“, erklärt Ni]ulescu und erwähnt ein Museum in Kalkutta, wo ein Altar rekonstruiert wurde, den man zwar offiziell entweiht hatte, doch zahlreiche Besucher verneigen sich immer noch davor. Eine moderne Art, Geschichte als Erlebnis zu präsentieren, sind Reenactment-Veranstaltungen. Dort werden nicht nur Schlachten nachgestellt, sondern in möglichst originalgetreuen Lagern der historische Alltag simuliert: Kochen, Handwerk, Tanz und Spiel.

Stümperhafte Restaurierungen

Ioan Carol Opriș ergänzt: Die Geschichte, die ein Museum erzählt, müsse nicht nur wahr sein, sondern vor allem Sinn machen! Seine Kritik findet ausgerechnet die spektakulär restaurierte Vauban-Festung Alba Carolina in Karlsburg/Alba Iulia, die, wie er meint, auf Kosten des originalen römischen Kastrums in Apulum ging. „Immerhin war Apulum die wichtigste Stadt der Daker, bedeutender als Sarmizegetusa.“ Man hätte bei der Rekonstruktion zu sehr auf den Geschmack des Financiers geachtet, meint der Archäologe. Dennoch zählt die Festung wegen ihres Erlebniswerts heute zu den größten Touristenmagneten. Auch die Burg von Reps/Rupea oder die Festung von Deva sind Beispiele für den Konflikt zwischen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Interessen.

Ein Problem in Rumänien sei die mangelnde Fähigkeit zur Restaurierung, klagt Opriș jun. weiter. Zum einen fehlt es an Fachkräften: Als Beispiel nennt er die Steinmetze der italienischen Minderheit in Greci (Dobrudscha), die nach 1990 fast alle nach Italien ausgewandert sind. Im Studium für Architektur hingegen fehlt eine fundierte Ausbildung zur Restaurierung von Monumenten. Als Beispiele für Stätten, die wegen unsachgemäßem Wiederaufbau kompromittiert sind, nennt er Tomis („die historische Stadt ist vom modernen Konstanza überlagert, es fehlt am Willen zur Rekonstruktion“), Callatis (ebenso) und Histria („die Restaurierung wurde 1977 gestoppt, seither hat man nur stümperhaft ausgebessert“). Unprofessionell: In der Festung von Argamum zeigt die „zwar sehr schöne Komplettierung der Mauer“ keinen Unterschied zwischen alt und neu. Vernachlässigt: „In Adamclisi gibt es ein kokettes Museum“, doch nach der Restauration der Festung 1977 keine einzige Intervention mehr. Gut erhalten: die Festung Capidava aus der Römerzeit, „an einigen Stellen stehen noch Mauern bis zu sechs Metern Höhe“. Improvisiert und dann verlassen: Dieses unverdiente Schicksal ereilte die Festung von Halmyris (Murighiol). Die älteste Märtyrerkrypta der Dobrudscha mit den Reliquien der urchristlichen Heiligen Astion und Epictet ruht seit Jahren unter derselben improvisierten Schilfhütte. Die Liste ließe sich lange fortsetzen...

Kommentare zu diesem Artikel

Andras, 12.04 2018, 22:32
Kulturgűter sind wichtig fűr die Geschichte einer Region und Nation. Lieber nichts machen als daran zu pfuschen bei der Restauration.

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