„Was willst du werden, wenn du groß bist?“

Prämiertes Vorzeigeprojekt begeistert Roma-Kinder für Bildung und Beruf

Sonntag, 31. Mai 2015

Dr. Gelu Duminică

Mit Unicef wurde ein Buch mit den Geschichten der Roma-Vorbilder herausgegeben. Interessierte können es - zusammen mit den Filmen - auf http://cevreisafacicandestimare.agentiaimpreuna.ro/download/ herunterladen.
Fotos: Agenţia Împreună

„Man kann Kindern Tonnen von Sandwiches geben - doch wenn man ihnen kein Selbstbewusstsein vermittelt, ist alles umsonst!“, warnt Gelu Duminică eindringlich. „Was willst du werden, wenn du einmal groß bist?“, werden deshalb auch Kinder in Dörfern gefragt, so entlegen, dass nicht einmal das GPS weiß, wo man ist, erklärt der Soziologe und Leiter von Agenţia Împreună, einer der größten NGOs in Rumänien, die sich landesweit für Rechte und Entwicklung der Roma-Gemeinschaft einsetzen. Die Kampagne, die Kindern eine Perspektive für ihre berufliche Zukunft aufzeigen soll, ist nur ein Teil des Aufgabenspektrums der 1999 gegründeten NGO, die sich mit Bildung, sozialen Projekten, Inklusion und Bürgerrechten befasst.

Das bisher in 150 Schulen durchgeführte Projekt „Was willst du werden, wenn du groß bist“  hat  letztes Jahr den Preis für interkulturellen Dialog des österreichischen Außenministeriums gewonnen. Ein gleichnamiger Dokumentarfilm führt Kindern beruflich erfolgreiche Roma als Vorbilder vor Augen und will ihnen damit bewusst machen: Es lohnt sich, zur Schule zu gehen, es lohnt sich, Träume zu haben, die Welt steht auch euch offen! Ein weiterer Film mit dem Titel „Ilie“ ruft die Eltern zur Unterstützung auf. Neben dem vordergründigen Ziel trägt die Kampagne aber auch zur Aufklärung über Vorurteile  und zu einem Rebranding des Roma-Images bei.  Warum dies für die gesamte Gesellschaft in Rumänien so wichtig ist, verrät Dr. Gelu Duminică im Gespräch mit Nina May.



 Welche Herausforderungen sehen Sie im Zusammenleben zwischen Roma- und Nichtroma - wo besteht Bedarf zu vermitteln? Kurz: warum „Împreună“?

„Împreună“ bedeutet „gemeinsam“.  In unserer NGO gibt es daher nicht nur Roma, sondern auch Rumänen, Homosexuelle, Neoprotestanten, Baptisten, Ungarn und viele mehr. Denn was wir von anderen verlangen - Verständnis, Partnerschaft und interkulturellen Dialog - müssen auch wir bieten. Andersartigkeit soll respektiert, Unterschiede wertgeschätzt werden. Jeder Mensch hat spezifische Charakteristiken - einige lieben dich deswegen, andere verurteilen dich. Den Deutschen sagt man Ordentlichkeit und Pünktlichkeit nach,  doch nicht alle sind ordentlich und pünktlich. Wenn man aber sagt, „Du benimmst dich wie ein Zigeuner“, dann ist das immer negativ gemeint.

Oft sind Unterschiede im Verhalten zwischen verschiedenen Kulturkreisen, die vom anderen missverstanden und als bedrohlich empfunden werden, schuld an Spannungen. Gilt dies auch für das Verhältnis zwischen Nichtroma und Roma?

Mit Sicherheit: Es ist der Unterschied zwischen Individualismus und Kommunitarismus. Roma, Kurden oder Maghrebiner sind eher kommunitaristisch orientiert, nach dem Prinzip „Du bist wichtig, aber die Gemeinschaft stützt dich“. Im Okzident herrscht der Individualismus vor: „Der Staat bin ich; meine Rechte müssen geschützt werden“. Der Kommunitarismus ist prägnanter bei den Roma, weil sie isolierter leben - ähnlich wie die Kurden in Deutschland. Da gilt: Wenn ich etwas brauche, dann springt der andere ein. Bei den Deutschen ist das nicht so. Beide Elemente haben ihre guten Seiten, sie schließen einander nicht notwendigerweise aus. Aber wir müssen kommunizieren. Denn deine Freiheit kann nicht existieren, wenn ich sie nicht schütze.

Das Beispiel Charlie Hebdo hat schließlich gezeigt, auch die Gesellschaft im Westen hat Mängel. Ihre Werte - Menschenwürde zum Beispiel - sind wunderbar, aber wenn deine Andersartigkeit von mir ständig angegriffen und beleidigt wird, dann ist es wahrscheinlich, dass du mich auch irgendwann angreifst. Und weil jede Gesellschaft ihre Verrückten hat, ist es möglich, dass diese hart reagieren. Wenn ein charismatischer Führer dann sagt, „Die Weißen sind schlecht, legt ihnen Bomben“, hat man schnell eine solche Situation. Und - ohne Verbrechen gutheißen zu wollen - sind wir alle  irgendwie mitschuld! Denn es war vorhersehbar. Nehmen wir Frankreich als Beispiel: Ghettoisierung der Maghrebiner, mangelnde Inklusion, Armut, schwacher Wille des Staates...

In Rumänien betrifft Armut nicht nur Roma...

Ja, aber wir waren Leibeigene, das ist der Unterschied. Wenn man also sieht, was passiert, und trotzdem nur in andere Bereiche investiert, kann es passieren, dass es irgendwann einen Aufruhr gibt. Dann haben wir so etwas wie Terrorismus. Wenn das passiert - wie bei Charlie Hebdo -, dann wird sich aller Hass auf die Roma ergießen. Dabei gibt es alle Vorzeichen, dass es passieren kann.

In welcher Richtung müssen wir die Lösung suchen?

Ich glaube an einen Mix aus Kommunitarismus und Individualismus. Der Wohlstand meines Nachbars hängt auch von meinem Wohlstand ab. Wenn du deinen Müll in deinem Hof wegwirfst, dann stinkt es auch bei mir.

Wie könnte man das Integrationsproblem in Angriff nehmen - auch vor dem Hintergrund, dass sich nicht alle integrieren wollen?

Ich sage, die meisten von uns sind integriert! Sie haben nur keine so hohe Entwicklung.

Ich meine Identitätspapiere, Schulbesuch, Arbeit...

Es gibt keine Gesellschaft, wo das so ist - Chancengleichheit. Es gibt aber Menschen, die sich mit viel weniger zufrieden geben.

Das ist in Ordnung für den Einzelnen, doch wenn jemand Kinder hat, gibt es darunter vielleicht einige, die etwas anderes wollen - und die schränkt er ein.

Ja - und hier kommt es sehr darauf an, wie man das den Leuten bewusst macht. Wenn man ihm sagt, „Du machst etwas falsch“, verschließt er sich. Denn nach seinen Werten tut er bereits alles für seine Kinder! Also muss ich einen Kommunikationskanal finden, den er versteht. Bei uns ist das die Musik. Zur Zeit der Leibeigenschaft, als die Roma Analphabeten waren, vermittelte man alle Botschaften von Leid bis Liebe über Musik.

Deshalb haben wir CDs mit unserer traditionellen Musik, die wir den Leuten geben, und im Vorfeld unserer Aktionen in den Schulen machen wir Musikfeste. Wenn wir jemandem mit Printmaterial daherkommen, macht er Tütchen für Samen daraus oder er heizt es. Zu unseren Musikveranstaltungen aber - wir nehmen dazu die besten Roma-Musiker - kommen alle im Dorf, ob Roma oder nicht, wir kommen ins Gespräch und geben ihnen die CDs. Zwei Wochen später kommen wir mit dem Film „Ilie“ wieder. Und diskutieren: Ist es gut, mein Kind zum Betteln zu schicken? Sind Frühehen sinnvoll? Aber wir servieren ihnen nicht die Antworten. Wir lassen jeden selbst draufkommen. Sonst sagt er, „Was, du kommst in meinen Hof und willst mir sagen, was ich tun soll? Scher dich zum Teufel!“

Wie entstand die Idee zu dem Projekt „Was willst du werden, wenn du groß bist“?

Wir arbeiten mit Unicef zusammen und im Rahmen ihres  Projekts „Komm zur Schule“, haben wir viele Schulen besucht, meist im ländlichen Milieu. Da haben wir erkannt: Man kann den Kindern tonnenweise Sandwiches geben, doch wenn man ihnen kein Selbstbewusstsein vermittelt, ist alles umsonst!

Viele  Kinder, die wir fragten, „Was willst du werden, wenn du groß bist“, antworteten mit klassischen Berufswünschen, die sie aus ihrem Umfeld kennen: Maurer zum Beispiel. Andere aber murmelten nur: „Was Gott will“. Für mich ein Alarmzeichen, denn ein Kind, das nicht mehr träumt, ist zerstört! Dann sagen wir ihm: Du kannst alles werden - Arzt, Pfarrer, Anwalt, Polizist - was du willst! Wir unterstützen dich dabei. Du kannst natürlich auch als Bettler nach Berlin gehen, aber darin unterstützen wir dich nicht...

Wie waren die Reaktionen der Kinder auf den Film?

Die Wirkung war phantastisch! Einige der Kinder kamen nach vorne, nur um den Pfarrer zu berühren, denn keiner glaubte, dass es einen Roma- Pfarrer überhaupt gibt. Bei uns existiert eine Redensart: „Lass die Schule, du wirst so oder so kein Pfarrer“. Wir aber sagen den Kindern: „Schau her, du kannst sogar Pfarrer werden!“ Dabei sind sie gar nicht so selten. Sie sind nur nicht sichtbar. Es steht ja nicht auf ihrer Stirn.

Wie überzeugt man Kinder mit schlechten Startbedingungen, dass ihre Träume erreichbar sind?

Wir zeigen Verständnis für ihre Situation. Aber wir sagen ihnen auch: „Ich kann deine Probleme nicht lösen - aber sieh her, andere haben es auch geschafft! Beiss die Zähne zusammen, selbst wenn du vielleicht Hunger hast. Du kannst es schaffen!“ Mit dem Mentorenprogramm „Big Brother“ zeigen wir den Kindern dann, dass jemand sie unterstützt. Dass sie nicht allein sind. Unsere Programme richten sich allerdings nicht nur an die Ärmsten und potenzielle Schulabbrecher. Nur acht Prozent Roma brechen die Pflichtschule ab! Aber auf die restlichen 92 Prozent schaut niemand. Es gibt viel mehr integrierte als arme Roma, mit Sicherheit. Ich kann nur keine Zahlen nennen, denn man weiß nicht einmal, wieviele Roma es überhaupt in Rumänien gibt. Ich schätze ihre Zahl auf eineinhalb Millionen, doch bei der Volkszählung bekannten sich nur ca. 637.000 zu ihrer Ethnie. Viele sind unsichtbar, weil sie nicht sagen, dass sie Roma sind. Aus Angst vor Vorurteilen.

Wie lauten die klassischen Vorurteile?

Nehmen wir als Beispiel die Frühehe: Nur etwa zwei Prozent der Roma halten heute noch an der Idee fest. An Schulen habe ich oft gefragt, was der Hauptgrund für Schulabbruch bei den Roma sei und man sagte mir: „Weil sie früh heiraten“. „Wieviele Fälle hattet ihr denn selbst in den letzten zwei Jahren?“ bohrte ich weiter. Die durchschnittliche Antwort war  zwei. Oder nehmen wir die Geburtenrate unter Minderjährigen in den letzten drei Jahren: 11.000 minderjährige Mütter - und wieviele davon sind Roma?  Die Hälfte? Nein! Es sind zehn Prozent. Das sind Statistiken von INS. Oder bei der letzten Volkszählung:  Zuerst wurde meine Frau befragt, Physikerin, zwei Fakultäten, Rumänin. Dann ich: Studium der Soziologie, Doktorat. „Ethnie?“ „Roma.“ „Ach, hören Sie auf!“ „Doch.“ Verzweifelt drehte sich der Befrager zu meiner Frau um: „Frau Dumincă, ihr Mann behauptet, er sei Roma!“ „Na, dann schreiben Sie das doch gefälligst rein!“ Und so wie ich sind Zehntausende, die du nicht siehst...

Wie überzeugt man die Eltern, ihre Kinder zu unterstützen?

Der Film „Ilie“, der sich an die Eltern richtet, ist emotionell sehr bewegend. Er zeigt, wie großartig es sein kann, wenn ein junger Mensch, der seinen Weg sucht, in seinem Umfeld Untertützung findet. Viele erkennen sich darin wieder, die Opfer, die sie bringen, ihre Schwierigkeiten. Wie wichtig die Unterstützung durch die Eltern ist, weiß ich aus eigener Erfahrung. Meine Mutter, Analphabetin, arbeitete als Putzfrau und verkaufte nach der Arbeit vor der Marineschule in Galatz Sonnenblumenkerne. Mein Vater hatte nur sieben Klassen und war eine Zeit lang sogar zum Betteln gezwungen.

Weil meine Mutter beobachtete hatte, dass sich Gebildete im Beruf weniger plagen, bestand sie darauf, ihre Kinder müssten aufs Gymnasium! Als ich später einmal meinen ganzen Mut zusammennahm und gestand, ich wolle lieber auf die Berufsschule, da hat sie mir zum ersten Mal eine geknallt - mitten im Zentrum von Galatz! Dann zerrte sie mich zum Gymnasium und dort habe ich mich buchstäblich unter ihren Tritten in den Hintern eingeschrieben!“ Aber auch im Studium später gab es einen kritischen Moment - dreimal war ich durch das Examen gerasselt. Ich wollte aufgeben. Da kniete sich mein Vater vor die Hausikone und klagte : „Herrgott, was hast du mir für einen dummen Jungen gegeben!“ Die Beleidigung hätte nicht schlimmer sein können - besser hätte er mich geschlagen. Jahrelang hasste ich meinen Vater, bis ich endlich verstand: Es war das einzige Mittel gewesen, mich noch zu motivieren.

Und wie funktioniert das Mentorenprogramm?

Weil Eltern nicht immer die Kraft haben, ihren Kindern in allen Lebenslagen beizustehen, bauen wir auf Mentoren. Jeder von ihnen - alles Volontäre - betreut etwa 15 Kinder, denen er als Vertrauensperson in allen Lebenslagen zur Seite steht. Der Mentor ist wie ein großer Bruder und wird sorgfältig nach Kompatibilität ausgewählt; wenn du Pfingstler bist, ist dein Mentor auch Pfingstler. Derzeit arbeiten wir mit über 500 Kindern tagtäglich. Nun soll das Programm auch auf die Kinder in den Schulen, die wir im Rahmen des Projekts besucht haben, ausgeweitet werden.

Welche Wirkung erhoffen Sie sich langfristig?

Wichtig ist ein Rebranding des Roma-Images. Kennen Sie die Bibel?  Am Anfang war da ein „Verrückter“, der sagte: „Hört auf mit Rache, Nächstenliebe ist jetzt angesagt!“. Der fand dann zwölf weitere „Verrückte“, die seine Botschaft verbreiteten...  Ich will nicht blasphemisch sein, aber so ungefähr funktioniert es. Ein Beispiel ist unser Kollege Andrei aus Măcin im Kreis Tulcea. Er war der erste Roma, der dort das Gymnasium geschafft hat, später studierte er dann in Bukarest Soziologie. Wir schickten natürlich ihn mit unserem Film nach Tulcea. Da sahen seine ehemaligen Kameraden, wie zuvorkommend er - ein Roma wie sie - überall behandelt wurde. Zuvor hatten wir in den Schulen eine Umfrage lanciert, in der wir die Kinder fragten: „Wie wollt ihr sein? Wie Fane Spoitoru (Anm.: bekannter Roma-Boxer mit Verbindung zur Unterwelt) oder wie Gheorghe Nicolae (einer der größten Roma-Intellektuellen Europas)?“ Kaum ein Kind kannte Nicolae, doch viele bewunderten Spoitoru. Nach einem Jahr dann dieselbe Frage - nur, dass wir diesmal Fane Spoitoru und Andrei zur Auswahl stellten. Mit dem Resultat, dass viele jetzt wie Andrei sein wollten. Sehen Sie, das ist Rebranding!

Wir  versuchen, Leute zu schaffen, die die Mentalität ändern. Wir wollen, dass unsere Kinder Modelle für Rumänien werden - und wir werden erfolgreich sein, glaub ich, weil auch die rumänischen Kinder fasziniert sind von dem Film und von dem, was wir machen. Wenn dann ein Rumäne zu seinem Kind sagt „Sei brav, sonst geben wir dich den Zigeunern“, dann anwortet es vielleicht: „Oh, ich hab da aber kürzlich ein paar ganz tolle Zigeuner kennengelernt...“

Vielen Dank für das interessante Gespräch.

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 05.06 2015, 01:18
klingt nach einem guten und sehr notwendigen Projekt. Das ist der einzige Ansatz, der vielleicht ein bisschen funktionieren könnte. Man sollte auch die Manelisten einmal in die Verantwortung nehmen, damit sie nicht immer nur über Schmecker, Freier und Futbolisten singen.

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