„Wir sind jetzt Botschafter für Rumänien“

Naturnähe, Gemeinschaft, Genügsamkeit: wie vier deutsche Pfadfinderinnen Siebenbürgen erleben

Sonntag, 04. Februar 2018

„Milka“, „Keks“, „Katze“ und Goofy“ von der Sippe der Waschbären im Stamm der Fleckmauer erzählen von ihren Erlebnissen.

Von der Fleckenmauer von Flörsheim-Dalsheim...
Foto: Wikimedia Commons

...zur Kirchenburg in Deutsch-Weißkirch

Zusammen mit den Pfadfindern vom Stamm „Kleiner Bär“ und ihrem Gastgeber Dietmar Gross (3.v.re.) vor der Kirchenmauer in Bodendorf
Fotos: George Dumitriu

Lange weinrote Röcke, dunkelblaue Blusen, schicke Ringelkrawatten und – Zöpfe, egal, ob man erst 14 oder schon 19 ist. Derbe Wanderschuhe und ein Wassersack auf dem Rücken vervollständigen die Kluft. „Milka“, „Keks“, „Katze“ und „Goofy“ hocken im grünen Gras, warten, wie alle anderen, wie es mit dem Programm in der Kirchenburg wohl weitergeht. Zwei Jungen gesellen sich zu ihnen: kurze Hosen, die gleichen Hemden und Krawatten. Von welchem Stern sie wohl gefallen sind? Höre ich da etwa Deutsch? Wie gut, dass noch Zeit ist. Und noch Platz im Gras...

Haferlandwoche, August 2017: Die Rückkehrer des Pferdewagen- und Fahrradausfluges nach Meschendorf/Meşendorf sammeln sich in der Kirchenburg von Bodendorf/Buneşti. Gut durchgeschüttelt und noch trunken von den Eindrücken der Natur ordnet man seine Knochen, begrüßt bekannte Gesichter - Einheimische oder jene, die noch vom Sachsentreffen hiergeblieben sind. Unter den alten und jungen Leuten, Rumänen und Touristen, fällt das seltsame Grüppchen auf den ersten Blick gar nicht so auf.

Dass sie vor ein paar Tagen noch auf 2000 Höhenmetern gezeltet haben, nur die vier allein, einem Hirten beim Melken und Käsemachen zuschauen durften und reihum Nachtwache hielten, dass sie allein durch Rumänien reisen und wandern, nur mit dem „Kauderwelsch“-Sprachführer bewaffnet, das erfahre ich erst, als ich mich neben ihnen im Gras niederlasse. „Wir reden halt mit Händen und Füßen, ein bisschen Englisch, ein bisschen Französisch, einfach herumexperimentieren“, erklärt das Mädchen links von mir. „Milka“ stellt sie sich dann vor - und ja, der Name hat etwas mit Schokolade von der lila Kuh zu tun... So wie auch „Keks“ so heißt, weil die 14-Jährige als Jüngste der Gruppe auf Wanderungen immer das leichteste Gepäckstück tragen durfte: den Keksvorrat für alle. „Spitznamen sind üblich bei uns Pfadfindern“, lächelt „Katze“ erklärend. Mit 19 Jahren ist sie die Leiterin der Gruppe und schon Studentin. „Doch man muss sich seinen Namen erst verdienen!“ fügt sie an. Mit der Zeit stelle sich heraus, was zu wem passt. „Goofy“ lacht dazu ansteckend.

Dann verraten sie noch, dass sie zur Sippe der Waschbären vom Stamm der Fleckenmauer gehören und aus Flörsheim-Dalsheim (Rheinland-Pfalz) stammen.
Die Kirchenburgen in Siebenbürgen erinnern die vier an die heimische mittelalterliche Dorfbefestigung, die ihrem Stamm den Namen verlieh. Die Bezeichnung Fleckenmauer verdankt sie übrigens nicht etwa fleckigen Mauersteinen, sondern dem Status der Ansiedlung als Marktflecken.

Innere Werte und Verzicht auf Luxus

Namen, Status, Hierarchien sind ihnen unwichtig, erklären „Katze“, „Milka“, „Goofy“ und „Keks“ ihre Pfadfinderphilosophie. Statt dessen geht es um verbindende innere Werte, um das Gemeinschaftserlebnis, um den Blick über den Tellerrand hinaus. Längst sind die vier eine eingeschworene Gruppe: Gemeinsame Reisen, Wandertouren und Naturerlebnisse, wo sich einer auf den anderen verlassen können muss - „ohne Handy, das hat man nur für den Notfall dabei“, erklärt „Katze“ - schweißen zusammen, lassen auch Altersunterschiede in den Hintergrund treten. „Deswegen tragen wir unsere Kluft, damit keine schöner ist als die andere, denn nur innere Werte zählen“, fügt sie an. Die Kluft muss bequem sein, strapazierfähig und darf auch mal dreckig werden.

„Sie ist unser Erkennungszeichen, aber vor allem funktionell: Aus dem Hemd kann man eine Tasche machen oder jemanden tragen.“ In die Berge geht man freilich nicht in Röcken, sondern in Lederhosen. Zelt schleppen, Feuer machen, kochen und am Lagerfeuer singen - „manch-mal kommen Einheimische dazu“, Nachtwache halten und zu wissen, wie man den Proviant vor Bären in Sicherheit bringt, all dies gehört zu ihrem Abenteuer. Die Verpflegung wird gemeinsam beschafft und zubereitet: Reis, Nudeln mit Soße oder Pilzen, Suppe und Kartoffelpüree stehen hoch im Kurs. In den Bergen gibt es allerdings meist nur Brotmahlzeiten. „Man muss ja alles hoch schleppen! Außerdem gehört Verzicht auf Luxusartikel, auch beim Essen, bei uns mit dazu“, erklären die Mädchen.

In Sachen Genügsamkeit ist die Rumänienreise eine gute Lektion: In den Bergen schnupperten sie in den archaischen Alltag einer Sennhütte hinein und die letzten Tage durften sie das Dorfleben in Deutsch-Weißkirch/Viscri kennenlernen. „Es ist erstaunlich, wie genügsam die Leute hier sind“, meint „Goofy“. „Eine Selbermachkultur“ ergänzt „Keks“ anerkennend. Sich auf Land und Leute einzulassen, andere Mentalitäten zu erspüren, finden die vier bereichernd. „Die Leute hier sind entspannter, hilfsbereiter und herzlicher“ resümiert „Milka“. Das zu Deutschland vergleichsweise ärmliche Landleben war kein Kulturschock für die Mädchen. „Wir sind begeistert, wie grün es hier überall ist!“ fassen sie ihre Eindrücke aus Siebenbürgen zusammen.

Gemeinsam den Horizont erweitern

Jeden Sommer geht es für viele deutsche Pfadfindergruppen für zwei Wochen ins Ausland. Was die „Waschbären“ nach Schweden, Polen, Irland, Italien und Frankreich nun nach Rumänien verschlagen hat, war eine Einladung von Dietmar und Gerhild Gross aus Deutsch-Weißkirch zur Haferlandwoche. „Unser Bundesgründer kennt die beiden“, erklärt Katze. „Wenn ihr mit euren Leuten da hin fahren wollt, dann plant mal was“, hatte er seine Pfadfindergruppen angeregt.

Auch das Sachsentreffen in Hermannstadt konnten die vier miterleben, sie haben in Freck/Avrig gezeltet. Die Freude war groß, dort auch auf rumänische Pfadfinder zu stoßen: Die Gruppe aus Leschkirch/Nocrich war mit ihrem Töpferstand und zauberhaften Waren vertreten (die Produkte kann man auf der Webseite www.ceramicanocrich.ro bestaunen und bestellen).

„Organisieren mussten wir die Reise jedoch selbst“, erklärt „Katze“: „Wir sind zu acht angereist, doch die Jungs aus Bonn vom Stamm ‘Kleiner Bär’ sind geflogen. Wir wollten lieber mit dem Bus fahren, da ist die Vorfreude größer und man kann langsamer Abschied nehmen.“ Dass man vieles in Rumänien nicht vorausplanen kann, mussten auch sie bald erfahren. „Einen Plan gibt es zwar immer“, lacht „Katze“, „doch wie der dann stimmt, wird man sehen!“

„Es ist ein Lebensbund”

Ab welchem Alter die Pfadfinder an Auslandsfahrten teilnehmen dürfen, hängt von den Eltern ab, erklärt die Gruppenleiterin. Für „Goofy“ war das kein Thema, auch ihre Eltern sind Pfadfinder. „Es ist eine Lebenseinstellung, ein Lebensbund“ verrät sie. „Man bleibt meist auch als Erwachsener dabei und die Älteren unterstützen die Jüngeren.“

„Katze“ gehört seit 14 Jahren zu den Pfadfindern. Als ihre Gruppenleiterin eine Familie gründete, durfte sie die Gruppe übernehmen. „Meinen Mädels habe ich allen das Versprechen abgenommen“ zeigt sie bewegt in die kleine Runde. -“Ein Treuegelübde, bei dem man verspricht, die Pfadfinderregeln zu achten und allen zu helfen“, erklärt sie. Bis es dazu kommt, lernt man vieles: sich mit dem Kompass in der Natur zu orientieren, Kartenlesen, Zelt aufbauen, Feuer machen, Knoten knüpfen, Erste Hilfe. Am wichtigsten sind jedoch Teamgeist und Gemeinschaftssinn. Auch die Achtung vor der Natur gehört zu den Pfadfinderprinzipien. Um diese zu stärken, gibt es regelmäßige Lager und andere Aktivitäten auf lokalem, nationalem und sogar internationalem Niveau. Die Aktionen schweißen zusammen, man kennt sich untereinander oft sogar besser als unter gleichaltrigen Klassenkameraden. „Meine Schulkollegen sind immer erstaunt, weil ich Freunde in allen Ecken Deutschlands und in der ganzen Welt habe“ erklärt „Milka“. Und fügt an:„Es verbindet sofort, wenn man irgendwo unterwegs auf Pfadfinder trifft.“

Unter freiem Himmel schlafen, sich mit Blaubeeren satt essen - „die einzigen Bären, die wir getroffen haben“, scherzt „Keks“ - Stockbrot rösten und die herrlichen Sonnenuntergänge am Berg genießen... Die Mädchen können sich kaum entscheiden, was das schönste Erlebnis war. „Ich könnte zwei Wochen lang immer-fort erzählen, wenn ich nach Hause komme“, schwärmt „Katze“. „Auch das Handwerk hier ist faszinierend“ fügt „Milka“ spontan hinzu. „Ich weiß gar nicht, ob ich zuerst von der Kulturwoche oder von der Bergtour berichten soll!“

Die vier sind längst Botschafterinnen für Rumänien geworden, darin sind sie sich einig. Ihre Eindrücke von diesem Land werden fortan mit ihnen um die Welt gehen. So wie ihre Werte, ihre Offenheit und ihre entspannte Art, Neues zu entdecken.

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