Zukunft beginnt jetzt

Festrede von Benjamin Józsa, Geschäftsführer des DFDR, beim Treffen auf dem Huetplatz in Hermannstadt am Samstag, dem 26. Mai 2018 (II)

Dienstag, 05. Juni 2018

Zahlreiche Siebenbürger Sachsen und Freunde des Demokratischen Forums der Deutschen in Hermannstadt nahmen an den Veranstaltungen anlässlich des 13. Treffens am Huetplatz teil.
Foto: Vlad Popa

(Fortsetzung vom 1. Juni 2018)

Einer unserer langjähriger Partner, die Konrad-Adenauer-Stiftung in Bukarest dachte in eine ähnliche Richtung, sodass im Jahre 2017 nach einigen Gesprächen eins zum anderen kam und sich im Dezember die Möglichkeit bot, in Zusammenarbeit eine landesweite Tagung zur Zukunft des Forums zu organisieren. Die Strategieplanung „Forum 2030“ war geboren.

Dabei war das Datum 2030 nicht zufällig gewählt. Der Kerngedanke der Strategieplanung war, dass, wenn alles so weitergehe wie bisher, das Forum in zehn Jahren nur noch ein Schatten seiner selbst sein würde, mit überalterten Gremien, mit verkrusteten Strukturen und mangelnder Attraktivität für Jugend und Neumitglieder. Ich möchte nicht Jugend vs. Alter in Stellung bringen, doch muss ich ganz kühl feststellen, dass sich der Lauf der Welt in den letzten fünfzehn Jahren ungeheuer beschleunigt hat. Dass man das Forum mit Mitteln des 19. und 20. Jahrhunderts nicht mehr effizient führen kann. Dass Plattformen wie Facebook, Twitter, Instagram, Skype und Whatsapp nicht neumodische Spielereien für Halbwüchsige sind, die nichts Besseres zu tun haben, sondern Realität und Arbeitswerkzeuge einer neuen globalen Wirklichkeit.

Der Grundgedanke der Strategieplanung war also, die nächsten 12 - 13 Jahre auszuleuchten, um die Weichen zu stellen, dass es im Jahr 2030 noch Forumsmitglieder gibt, die sich über eine Zukunft Gedanken machen, die Politik gestalten, an Schule festhalten, Kultur und Medien pflegen sowie eine zeitgemäße Jugendarbeit betreiben, sodass es auch ein Strategiepapier Forum 2070 geben kann, in dem jüngere Leute als meine Wenigkeit ganz kühl feststellen, dass sich der Lauf der Welt ungeheuer beschleunigt hat und dass man mit Mitteln des 19. und 20. Jahrhunderts wie Facebook, Twitter, Instagram, Skype und Whatsapp das Forum nicht mehr effizient führen kann.

Doch welches sind überhaupt noch die Kernanliegen des Forums? Das Forum muss eine zeitgemäße Politik führen, antworteten die Teilnehmer des größten Workshops „Politik“ und das Forum muss beginnen, landesweit Politik zu gestalten. Ich muss gestehen, dass es mir bei diesem letzten Gedanken unwohl ist. Zunächst ist das DFDR keine Partei, sondern eine Minderheitenselbstvertretung. Somit ist die Politik nur Mittel zum Zweck, aber nie ein Zweck an sich. Außerdem hat sich das Forum in den vergangenen 28 Jahren einen wohlverdienten Ruf als äquidistante politische Kraft und konstruktiver Gesprächspartner erarbeitet. Diesen Ruf aufzugeben und in Grabenkämpfe einzusteigen, die, wie wir zur Genüge wissen, in Rumänien sehr schmutzig sein können, und meist zu keinen messbaren Ergebnissen führen, ist alles andere als eine gute Idee. Außerdem setzen wir uns damit der Beliebigkeit aus. Wir sind dann nicht mehr DAS Forum sondern irgendein Forum, dem es erst um Machterhalt geht und erst danach um die Sache.

Das heißt aber nicht, dass wir keine politischen Ambitionen entwickeln sollen. Wir sollten aber darauf achten, streng bei unseren Kernkompetenzen zu bleiben: eine verlässliche und bürgernahe Verwaltung in der Kommunalpolitik sowie das Einstehen für europäische Werte wie Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Minderheitenrechte und Meinungsfreiheit in der Landespolitik.
Doch Politik muss nicht nur gestaltet werden, sondern auch den Mitgliedern vermittelt werden, und dieses sollte beileibe keine Einbahnstraße sein. Die Vermittlung hat in beide Richtungen hin zu funktionieren. Hier möchte ich wieder das Hermannstädter Modell als Beispiel heranziehen.

Die indirekte Erklärung der Forumspolitik funktioniert gut. Lokalpresse sowie „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien“ und „Hermannstädter Zeitung“ berichten regelmäßig über die Geschehnisse in der Stadt und die Tätigkeit der Stadtverwaltung, der Informationsfluss läuft. Weniger gut läuft die direkte Erklärung, zumeist aus Zeitmangel. Die Mitgliederversammlungen des DFD Hermannstadt finden zweimal im Jahr statt, zu selten, um einen regelmäßigen Austausch über Forumspolitik zu gewährleisten.

Die Gegenfahrbahn ist allerdings fast inexistent. Es gibt zur Zeit kein Gremium, das Ideen oder Vorschläge der Mitglieder bündelt und an unsere Kommunalpolitiker heranträgt. Sie werden jetzt antworten, die Mitglieder können doch in den Mitgliederversammlungen aufstehen. Oder wenn es mal brennt, die Audienzen der Stadträte, der Bürgermeisterin oder der Vizebürgermeisterin aufsuchen. Alles richtig, doch nicht wirklich realitätsnahe. Die Mitgliederversammlungen sind einfach zu groß und finden zu selten statt, um dieses zu gewährleisten. Auch ist es nicht jedermanns Sache, vor einem großen Gremium zu sprechen, wenn der Saal zudem auch schon mit den Füßen scharrt, weil sich die Sitzung durch jede Wortmeldung verlängert. Audienzen hingegen implizieren ein gewisses Maß an Zeitmanagement, da sie meist in die Arbeitszeit des Einzelnen fallen. Ob man als einfaches Forumsmitglied diesen zeitraubenden Weg der Audienz beschreitet, um die Idee der Neugestaltung eines Parks zu lancieren, wage ich zu bezweifeln.

Deswegen müssen wir die Ideen unserer Mitglieder systematisch und wiederholt abfordern. Wir müssen kleine Formate wie die „Hermannstädter Gespräche“ dazu nützen, oder zusätzliche Formate entwickeln, um zu erfahren, was die Mitglieder von „ihrem“ Forum wünschen.

Zwar ist es richtig, dass das Forum von der Mehrheitsbevölkerung gewählt wurde und somit alle Bürger der Stadt zu vertreten hat. Es wäre aber ein verheerendes Zeichen, unseren Mitgliedern den Eindruck zu geben, sie zählen nicht, weil sie wenige sind. Denn was das Forum – also den Ort für einen freien und offenen Austausch – ausmacht, waren und sind die Mitglieder, die es direkt und indirekt prägen.

Zusammenarbeit muss in der Forumspolitik auch weiterhin groß geschrieben werden. Wir müssen mit allen politischen Kräften den Konsens suchen und uns an Debatten zum Wohle unseres Landes beteiligen. Punktuelle Zusammenarbeiten zu Themen, die das Land auf Jahrzehnte hinaus prägen können, wie die eingangs erwähnte Kampagne „Ohne Straftäter in öffentlichen Ämtern“, sind allemal besser als vornehmes Schweigen. Wir müssen unsere Prinzipien deutlich artikulieren und an die Öffentlichkeit bringen, selbst wenn sie nicht sofortigen und unmittelbaren Erfolg zeitigen.
Zu einer guten Forumspolitik gehört auch die Verbindung zum Mutterland Deutschland und die Verbindungen zu den anderen deutschen Minderheiten Europas.

Mit Deutschland verbindet uns nach der Wende eine lange Erfolgsgeschichte. Bisher hat jedwede Bundesregierung die Rolle der Rumäniendeutschen zum Wohle ihres Landes und als Verbindung zu Deutschland gewürdigt und ihre Förderung (beileibe nicht nur durch Geld!) als grundlegend erachtet. Mit Freude nahmen wir zur Kenntnis, dass im letzten Koalitionsvertrag erstmalig auch die deutschen Minderheiten in Europa in einem eigenen Absatz angeführt werden.

Trotzdem, Beziehungen müssen gepflegt werden. Wir haben leider infolge der letzten Wahl drei der profiliertesten Freunde der Rumäniendeutschen im Bundestag verloren. Deshalb müssen wir verstärkt nach Partnern Ausschau halten, um ihnen unsere Themen und Sorgen nahezubringen. Das Forum ist nur stark mit starken Partnern an seiner Seite.

In dieser Hinsicht war es eine besondere Freude zu hören, dass die Bundesregierung einen Hermannstädter in der Person von Dr. Bernd Fabritius zum neuen Beauftragten für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten ernannt hat. Wir sind sicher, dass er diese Stelle mit dem gewohnten Engagement und Temperament ausfüllen wird.

Doch hat die Bundesregierung mit Dr. Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, noch einen weiteren siebenbürgischstämmigen Beauftragten. Die Ernennung beider Beauftragten ist wohl die augenfälligste Anerkennung, dass wir Rumäniendeutsche uns konstruktiv zum Wohle aller einbringen können – und dieses auch tun.

Die deutschen Minderheiten in Europa, namentlich jene aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks, haben dieselben Aufgaben und kämpfen mit ähnlichen Problemen. Deswegen ist es nur folgerichtig, dass wir zusammenarbeiten und gemeinsame Probleme auch gemeinsam gegenüber der Bundesrepublik Deutschland artikulieren. Mit der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten (AGDM) ist eine gute Plattform geschaffen worden, um sich zu vernetzen und gemeinsame Lösungen für gemeinsame Probleme zu finden. Wir Rumäniendeutschen wollen uns in der AGDM auch weiterhin aktiv einbringen.

Wir müssen auch die Partnerschaften auf bilateraler Ebene pflegen und weiter ausbauen. Mit der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen haben wir einen Lehreraustausch aus der Taufe gehoben, der in diesem Jahr ins vierte Jahr geht. Mit dem Verband der sozio-kulturellen Gesellschaften aus Polen gab es ein gemeinsames Projekt im Bereich Deutschunterricht, dieses soll in diesem Jahr weiter vertieft werden. Kollegen von den Russlanddeutschen interessierten sich für das Konzept unserer Sozialstationen und unternahmen eine Informationsreise nach Rumänien. Die Vorsitzende vom Verband der Deutschen in Lettland besuchte unsere Geschäftsstelle, um sich über Verbandsentwicklung und mögliche Kulturprojekte zu informieren. Es sind solche Projekte, die eine Verbindung zwischen den Deutschen Europas lebendig erhalten und noch einmal unterstreichen, was wir sind: eine große Familie mit Wurzeln in zwei verschiedenen Kulturkreisen, tätig zum Wohle beider.

Im zweiten Workshop der Tagung, in dem es um Kultur und Medien ging, wurde die Frage gestellt, was nehmen wir mit in die Zukunft? Wir haben ein ungeheuer großes materielles Kulturerbe, das es zu pflegen gilt, Kirchen, Kirchenburgen, Schulen und Museen. Können wir alles in die Zukunft retten? Mit einem Blick auf die vergangenen zehn Jahre muss ich sagen, dass ich mir über das materielle Kulturerbe weniger Sorgen mache denn je. Die Evangelische Kirche leistet zusammen mit der „Stiftung Kirchenburgen“ Großes für den Erhalt der siebenbürgischen Kulturlandschaft. Dass zwei Staatspräsidenten, der deutsche Bundespräsident zusammen mit dem rumänischen Präsidenten, in der Kirchenburg Heltau gemeinsam festhalten, wie wichtig die siebenbürgische Kulturlandschaft für Europa ist, unterstreicht dieses auf nachdrückliche Weise. Die vielen „kleinen“ Initiativen wie Kleinschenk, Felldorf oder Trappold, um stellvertretend nur drei zu nennen, machen Mut. Natürlich ist noch vieles zu tun, natürlich werden nicht in jedem Fall optimale Ergebnisse erzielt werden. Lassen Sie es mich trotzdem deutlich unterstreichen: Wir gehen mit großen Schritten in die richtige Richtung.

Was mir hingegen Sorge bereitet, ist unser immaterielles Kulturgut, das immer stärker vom Aussterben bedroht wird. Der siebenbürgisch-sächsische Dialekt wird immer seltener und von immer älteren Leuten gesprochen. Unsere Bräuche, wie das Kronenfest, das Urzelnlaufen, das Eierschibbeln sind bis auf wenige Ausnahmen kaum noch anzutreffen. Das Forum tut zwar vieles dafür, dass diese Bräuche bewahrt und weitergegeben werden, aber die Weise, diese Bräuche in die Zukunft zu überführen, muss noch gefunden werden.

Der Bereich des immateriellen Kulturguts, der am stärksten bedroht ist und auf den ich deswegen gesondert eingehen möchte, sind unsere alten Gassennamen. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, so ist die erste spirituelle Landkarte meiner Stadt Hermannstadt von diesen Gassennamen geprägt. Wir spazierten durch die Poschengasse in die Unterstadt, gingen über den Weinanger, erklommen die Sagstiege und schlenderten über den Kleinen Ring in die Reispergasse. Diese Straßennamen und damit ein wichtiger Teil Stadtgeschichte werden, wenn nichts passiert, in der Generation meiner Tochter endgültig verlorengegangen sein.

Ich weiß, das Thema zweisprachige Straßenschilder ist mit Emotionen behaftet und gilt als schwierig. Trotzdem denke ich, wir sollten die Verständniskraft unserer rumänischen Freunde nicht unterschätzen. Sie sind in der Mehrheit stolz auf die deutsche Geschichte ihrer Stadt und sie würden, eine gute Kommunikation vorausgesetzt, als erste zweisprachige Straßenschilder begrüßen, wie auch die Bewohner von Bistritz, Schäßburg und Mühlbach ihrerseits diese seinerzeit begrüßt haben. Denn sie haben sofort verstanden, dass man damit nichts wegnimmt, sondern der Stadt etwas zurückgibt. Wenn wir, die Hermannstädter Deutschen, unsere Geschichte nicht hochhalten, wie können wir erwarten, dass es andere tun?

(Fortsetzung am Mittwoch, dem 6. Juni 2018)

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