Der letzte Schlusspfiff im Giulești

Es verschwindet nicht nur ein Stück Fußballgeschichte, sondern auch ein Stück Bukarester Stadtgeschichte

Freitag, 06. Juli 2018

Blick von der 1996 fertiggestellten Nordkurve. Im Hintergrund befindet sich das Theater.

Das Spiel gegen FC Singureni ist nur von geringer sportlicher Bedeutung. Bereits das Hinspiel um den Aufstieg in die dritte Liga hatte Rapid Bukarest mit 7:0 gewonnen. Keiner der 5000 Zuschauer geht davon aus, dass die Mannschaft die Rückkehr in den bezahlten Fußball noch verpasst. Als nach 90 Minuten der Schlusspfiff ertönt, steht es 10:1. Es ist der letzte Schlusspfiff im Giulești.

In den nächsten Tagen werden die Bagger anrollen und das 1936 eröffnete Stadion abreißen. Ein Stück Fußballgeschichte und auch ein Stück Stadtgeschichte wird dann verschwinden. Große Spiele haben hier statt gefunden, der Stadtteil Crângași – Giulești steht als Synonym für Rapid. In der Vereinshymne heißt es „Hai Rapid Giulești!“ In seiner erfolgreichsten Europapokalsaison feierte Rapid 2005/06 im Giulești Siege über Vadar Skopje, Feyenoord Rotterdam, Stade Rennes, PAOK Saloniki, Hertha BSC und den Hamburger SV. Erst im Viertelfinale scheiterte die Mannschaft um Daniel Niculae ausgerechnet an Steaua Bukarest. Der verhasste Stadtrivale hatte im Hinspiel ein Auswärtstor im Giulești erzielte (1:1), das Rückspiel im Nationalstadion endete 0:0.

Der Bau des Giulești-Stadions beginnt 1936 unter der Leitung von Gheorghe Dumitrescu und war schon Ende des Jahres weitestgehend abgeschlossen. In Rumänien gab es zu dieser Zeit nur wenige Fußballstadien, seine Inspiration fand Dumitrescu fast folgerichtig in England, der dominierenden Fußballnation dieser Zeit. Im Londoner Stadtteil Highbury diente ihm das legendäre Arsenal-Stadion als Vorlage. Bereits für den 30. September 1936 kündigte die „Gazeta Sporturilor“ die Einweihung des Stadions an, doch das geplante Eröffnungsspiel gegen den österreichischen Spitzenklub Admira Wien wurde kurzfristig in das größere ONEF-Stadion verlegt. Erst für den 8. Februar 1937 wird ein Freundschaftsspiel zwischen Rapid und Juventus Bukarest erwähnt. Das erste offizielle Spiel sollte schließ-lich erst am 27. November stattfinden. Ohne vorherige Ankündigung wurde das Ligaspiel gegen Jiul Petroșani (2:0) im Giulești-Stadion ausgetragen, vor nur 800 Zuschauern.

Am 10. Juni 1939 finden im „Stadionul C.F.R. Giulești“ die Feierlichkeiten der „Ceferiada“ statt, die den 70. Jahrestag der Eröffnung der ersten Bahnstrecke Rumäniens, Bukarest – Giurgiu 1869, markierte. Die enorme Bedeutung der Eisenbahn bezeugt die Anwesenheit von König Karl II., Michael I. sowie zahlreicher hochrangiger Gesandter aus dem Ausland. Heute werden die Feierlichkeiten im Stadion als dessen Eröffnung dargestellt, doch dieser Ansicht widerspricht Gheorghe Scurtu, Autor des Buches „De ce susțin Rapidul“: „Die Einweihung fand im Oktober 1936 statt, ebenfalls in Anwesenheit des Königshauses, das den 70. Jahrestag der Ankunft von Karl I. feierte. Es ist wahr, dass zu dieser Zeit noch nicht alles fertig war, doch schon 1938 wurden hier die beiden berühmten Halbfinalspiele gegen Venus ausgetragen. Im Jahr 1939 nutzte Karl II., der alle politischen Parteien aufgelöst hatte, die Ceferiada-Feierlichkeiten, um das Entstehen seiner Partei - der Front für die nationale Rettung - zu festigen.“

Im Zweiten Weltkrieg wird während eines Luftangriffes amerikanischer Bomber auf den Nordbahnhof auch der nördliche Bereich des Stadions zerstört sowie der Nordturm der Gegengeraden, der nicht wieder aufgebaut werden sollte. Stattdessen wird auf dem ebenerdigen Bereich hinter dem Tor eine kleine Metalltribüne errichtet. Tatsächlich geschlossen wird das „Potcoav² a Giuleștiului“ (Hufeisen) durch eine Nordkurve erst 1996, nach zehnjähriger Bauzeit. Entscheidenden Anteil an der endgültigen Fertigstellung hatte der damalige Premierminister und Rapid-Fan Nicolae Văcăroiu, weshalb die Tribüne auch „Peluza Văcăroiu“ genannt wurde.

Dem letzten Abpfiff soll im Sommer 2020 ein neuer Anpfiff folgen. An gleicher Stelle, zwischen Sporthalle und Theater, soll bis zur Europameisterschaft in zwei Jahren eine moderne Fußballarena entstehen - 12.347 Zuschauern soll sie Platz bieten. Während das Stadion 1936 ein Prestigebau war, ist zu erwarten, dass das neue Stadion möglichst kostengünstig und ohne architektonischen Wert errichtet wird. Das Ilie-Oană-Stadion in Ploiești sowie das Marin-Anastasovici-Stadion in Giurgiu können als Beispiele des schlechten Geschmacks sowie schlechter Bauqualität herangezogen werden.

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