Andalusien – ein Fest für die Sinne

Blüten- und Schlemmerparadies, maurische Architektur, spanische Volksfeste, pittoreske Dörfer

Montag, 27. Mai 2019

Blick vom Rast- und Parkplatz auf Competa. Fotos: die Verfasserin

Zauberhaft im Februar: die Mandelblüte in der Axarquia

Verlassen und für Touristen wieder aufgebaut: El Acebuchal

Weiße Dorfperle: Frigiliana

UNESCO-Weltkulturerbe: der runde Friedhof von Sayalonga

Im Februar hüllt die Mandelblüte die kargen schwarzen Bergketten der Axarquia in einen zartrosa Schleier. Reife Cherimoyas baumeln von den Bäumen, ihr Fruchtfleisch – geschmacklich zwischen Birne und Banane – so saftig, dass die Finger kleben. Zitronen, Orangen, aber auch Zitrus-Exoten wie Kumquats, Limquats oder Bergamotten leuchten von Dezember bis März aus sattgrünen Baumkronen. Dann werden sie abgelöst von den Mispeln im April und Mai - auch diese Frucht ist so fragil, dass man sie nur vor Ort genießen kann. Gelegenheit dazu findet man auf dem Mispel-Fest in Sayalonga…

Andalusien ist ein Fest der Sinne – nicht nur für den Gaumen. Früchteparadies, Blütenmeer – an fast jeder Hauswand rankt eine violette Bougainvillea, weiße Dörfer mit maurischem Ursprung, pittoreske Landschaften. Reist man in der kühleren Nebensaison, sind die zerklüfteten Bergketten vom letzten heftigen Winterregen wie von Zauberhand begrünt. Auf Serpentinenstraßen wechseln spektakuläre Ausblicke: mal auf das türkisblaue Meer, mal auf die schneebedeckte Sierra Nevada. Die Costa de Sol zeigt sich von November bis Mai anders als gewohnt: Im Vordergrund stehen nicht überlaufene Strände, Sonne und Meer, sondern das Andalusien der Spanier.


Torrox Pueblo, unser Ausgangspunkt, liegt knappe 50 Kilometer vom Flughafen Malaga entfernt und rühmt sich mit dem besten Klima Europas: milde Winter, sonnige Sommer, kaum Regen. Wer Entspannen mit Aktivität verbinden will oder mit der Großfamilie anreist, wo alle Interessen unter einen Hut passen müssen, mietet am besten ein Ferienhaus (casamundo.de oder traum-ferienwohnungen.de).

Unter den Ausflugszielen in der nahen Umgebung sind echte Geheimtipps: Kaum jemand verirrt sich zum runden Friedhof von Sayalonga, der immerhin zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, oder zur Kirche mit dem maurischen Minarett in Archez. Bekannter sind dann schon das wiederaufgebaute Dorf El Acebuchal im Alhama-Naturpark, das Bergdorf Frigiliana, die Tropfsteinhöhlen in Nerja; weltberühmt die maurische Festung Alhambra in Granada (ADZ-Online 9. Mai 2014: „Allahs Paradies auf Erden“), die man sich – von Torrox 56 Kilometer entfernt - auf keinen Fall entgehen lassen darf.


Andalusien-Feeling


Den Tag beginnt man am besten in einer Einheimischen-Bar: Cafe con Leche, Petufo con Qeso - ein getoastetes Brötchen mit würzigem Käse, darunter statt Butter Olivenöl. Ringsum schnattern spanische Mütter, die ihre Kinder zur Schule gebracht haben und den Vormittag hier verbringen. Die Andalusier erfüllen das Klischee der fröhlichen Südländer: Überall wird man angelächelt, mit „ola“ begrüßt und geduzt. Mittags auf der Plaza im Dorfzentrum: Man trinkt Bier oder Tinto de Verano (Rotwein mit Zitronenlimo), meist gibt es gratis ein Tapa dazu. Freilich kann man Tapas auch bestellen: Garnelen in Zitrone, Fenchelsalat, würzige Fleischbällchen, Serrano-Schinken, alles auf winzigen Tellerchen, dazu ein Brotkorb.


Abends spielt sich das Leben auf der Plaza ab: Kinder kurven bis nach Mitternacht auf Dreirädern um den Springbrunnen. Einheimische amüsieren sich über Touristen, die bittere Zierorangen klauen, verstohlen hineinbeißen und das Gesicht verziehen. Auch dass man reife Oliven nicht direkt vom Baum naschen kann – sie werden zum Entzug von Bitterstoffen wochenlang in Salzlake gehalten – muss man wissen. Übrigens gilt es in Andalusien als streng tabu, Früchte, die einem nicht gehören, zu pflücken – selbst in einsamer Gebirgslandschaft! In der kühleren Jahreszeit isst man abends gut und günstig in den Bars der Einheimischen: Bei „Rubio“ ist es zwar nicht so „urig-gemütlich“, wie der Tourist das erwartet, doch gibt es dort die beste Meeresfrüchte-Paella und sehr frischen Fisch. Adriana, die sich als Rumänin entpuppt, zieht mich am Ärmel in die Küche und zeigt mir stolz ihre Pfanne: dort schmoren Muscheln, Garnelen und Tintenfische im rostroten Sud. Köstlich auch der Rosada, ein weißer Edelfisch.

Auf den Spuren der Mauren

Andalusien entdeckt man am besten mit dem Auto. Eine gut ausgebaute Autobahn erstreckt sich entlang der Küste, parallel führt die alte Straße am Meer entlang. Im gebirgigen Hinterland haben Motorradfahrer oder geübte Radler an den gut asphaltierten, serpentinenreichen Straßen ihre helle Freude. Eine Traumstrecke führt von Torrox über Competa und Archez nach Sayalonga, mit Abstecher nach El Acebuchal. Fast genauso schön ist die Strecke über Frigiliana nach Nerja.


Typisch für die gesamte Axarquia sind die verstreuten weißgekalkten Dörfer, deren Häuser sich nahtlos aneinanderschmiegen. Die meisten stammen noch aus der maurischen Zeit. So kann man in Archez, einer Dorfperle aus dem 13. Jahrhundert, eine Kirche bewundern, deren mit Arabesken verzierter Turm einst Minarett war. Die Geschichte von Archez, Competa und Sayalonga erzählen Tafeln aus glasiertem Ton; wer nicht Spanisch kann, bewundert die charmanten Bilder. Kunstliebhaber sind in Competa genau richtig: Zu Ostern organisiert dort die Galeria Luz de la Vida den Competa Art Walk, ein Festival mit Ausstellungen internationaler Künstler, Workshops, Straßenmusik und vielem mehr.

In Sayalonga gilt der einzige runde Friedhof Spaniens als Hauptattraktion. Er wurde 1820-1830 - angeblich von Freimaurern - angelegt und ist eigentlich achteckig. Die Toten sind in gemauerten, zylinderförmigen Nischen bestattet, die in mehreren Reihen übereinander liegen. Von oben, vom Aussichtspunkt an der Straße betrachtet, erinnert er an einen Bienenstock.

Am ersten Sonntag im Mai wird in Sayalonga der Tag der Mispel gefeiert. Das an Aprikosen erinnernde, jedoch festere, säuerliche Obst mit drei bis vier Kernen wird dann frisch oder als Marmelade überall feilgeboten. Volksfeste in Andalusien sind keine Touristenspektakel - gerade das macht sie erlebenswert. So auch das Migas-Fest in Torrox am Sonntag vor Weihnachten, wo die Männer des Dorfs in riesigen Pfannen im Freien eine gesalzene Grießspeise (Migas) knusprig rösten. Dazu gibt es Salat aus Orangen, Zwiebeln, Kartoffeln und Oliven und süßen Landwein – alles gratis; Musik, Tanz und Verkaufsstände. Das Migas-Fest geht auf die Tradition der Verköstigung der Tagelöhner in den Weinbergen und Olivenhainen durch den Arbeitgeber zurück. An diesem Tag kocht niemand in Torrox. Feiern, bei denen Dorf und Besucher gratis bewirtet werden, gibt es auch in Archez: etwa im Juni am Fronleichnamstag, wo nach der religiösen Prozession getanzt und gefeiert wird und alle dem Fencheleintopf oder Reis mit Pökelfleisch zusprechen.

Romantisches Geisterdorf

Zwischen Sayalonga und Torrox liegt - mitten im Alhama-Naturpark auf der Route der alten Maultierwege zwischen Malaga und Granada - das verlassene Dorf El Acebuchal. Die unasphaltierte Bergstraße ist nichts für Ängstliche, doch man kann die pittoreske Strecke wenige Kilometer durch duftende Pinienwälder auch wandern oder mit dem Rad zurücklegen.

Die Bergdörfer El Acebuchal und Frigiliana lagen im Guerilla-Krieg gegen die von Franco eingesetzte Guardia Civil, der bis 1952 andauerte, direkt auf der Frontlinie. 1948 ordneten die Behörden die Räumung von Acebuchal an, da die Einwohner unter dem Verdacht standen, Widerstandskämpfer zu unterstützen. Bis 1998 blieb es unbewohnt, dann erfüllte sich einer der Vertriebenen, Antonio El Zumbo, einen Lebenstraum. Er ließ das Dorf wieder aufbauen – von Hand, denn bis 2003 gab es weder Strom noch Wasser. Heute betreibt seine Familie dort einen Pensionsbetrieb mit Restaurant: riesige bunte Salatteller aus biologischem Anbau, deftige Hausmannskost, selbstgemachtes Eis. Eigentlich schon genug zu einem edlen Glas Rotwein: das hausgebackene Brot mit selbstgepresstem Olivenöl zum Stippen. Lohnenswert ist ein Abstecher zum vier Kilometer entfernten alten Wasserkraftwerk „Fabrica de Luz“, heute eine romantische Naturoase. Dort sprudelt das Wasser in Trinkwasserqualität über Felsen in verschiedene Becken, in denen man herrlich baden kann.

Weißes Dorf und Tropfsteinhöhlen

Das zweite ehemalige „Rebellendorf“, Frigiliana, liegt zwischen Torrox und Nerja. Die maurische Struktur des alten Ortskerns ist gut erhalten. Dank eines Gemeindegesetzes, alle Häuser regelmäßig weiß zu kalken, zählt das preisgekrönte Dorf zu den schönsten Andalusiens. Der Bummel durch die engen Gäßchen lohnt sich. Alles ist liebevoll gestaltet: Kieselstein-Mosaike, üppige begrünte Innenhöfe, Hängeampeln mit Blumen baumeln von Wänden und Balkonen. Fenster und Türen leuchten in Azurblau oder Pastellfarben. Als Wegweiser dienen schmucke Keramiktäfelchen und die Pflanzen vor dem Haus stehen nicht im Plastikkübel, sondern in Tontöpfen. Wer ein lokaltypisches originelles Souvenir, Kunsthandwerk, Keramik, Lederwaren oder handgemachten Modeschmuck sucht, wird sicher fündig.

In Nerja ist ein Besuch der Tropfsteinhöhle „Cueva de Nerja“ ein eindrucksvolles Erlebnis. Etwa eine Stunde dauert die Führung durch die „prähistorische Kathedrale“. Die Malereien, die zum größten Teil dem Paläolithikum zugerechnet werden, lassen vermuten, dass die Höhle von 30.000 bis 1800 vor Christus von Menschen bewohnt war. Auch in Nerja kann man schöne Stunden verbringen: Nach einem Bummel über den Panoramaweg am Strand lädt eine Vielzahl an Läden, Bars und Restaurants zum Verweilen ein. Der „Balcon de Europa“ bietet einen stimmungsvollen Ausblick aufs Meer.


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