Râuşor – der kleine Ort in den Bergen

Der winzige Skiort unweit von Temeswar

Sonntag, 15. Januar 2017

Bergauf…

... und bergab

Zwischendurch eine kurze Rast
Fotos: die Verfasserin

Gerade zweieinhalb Stunden von Temeswar/Timişoara entfernt liegt Râuşor, eine aufstrebende Ortschaft im Retezat-Gebirge, dadurch bekannt, dass hier das einzige Skigebiet am Rande des Naturreservats liegt. „Im Sommer wimmelt es im Retezat-Gebirge nur so von Menschen, viele Schülergruppen, aber auch Familien und andere Gruppen sind unterwegs durch den Naturpark. Es ist wortwörtlich wie in einem Park. Ich habe nie gehört, dass jemand hier von Bären angegriffen worden wäre. Die Tiere meiden gewöhnlich die Menschen, wenn man laut genug ist und sich bemerkbar macht, dann ist man in Sicherheit. Eine Pfeife kann man zu diesem Zweck allemal bei sich haben“.

Die Frau hinter der Theke hat ein rundliches Gesicht, sie ist etwas erstaunt über mein Unwissen, denn trotz der Nähe zu Temeswar sind wir das erste Mal in Râuşor. Und das, weil wir nur zwei Tage zur Verfügung haben und der erste Schnee gerade erst gefallen ist. Meine Frage zu möglichen Treffen mit Bären hat sie stutzig gemacht, aber von unseren Reisen durch das Land ist uns bekannt, dass man vielerorts Touristen davon abrät, sich in die Natur zu wagen.

Sie zeigt uns noch eine Karte, worauf viele Wanderwege eingetragen sind: reichlich Auswahl. Auch für Kinder ist etwas dabei, viele der Wanderwege sind für kleine Naturentdecker gut geeignet. Wir danken für die Information, den Plausch und den Tee. Vor allem für den Tee, denn wir haben schon vier Stunden auf der Piste hinter uns, draußen hat es minus sieben Grad Celsius bei Sonnenschein.

Die Bar gehört zu einer größeren Pension und ist die einzige, die heute in der Nähe der Skipiste geöffnet hat, da der Skilift noch nicht in Betrieb genommen wurde.

Im Winter wirkt die Landschaft trist, wenn es nur novembermäßig grau, kalt und regnerisch ist, umso schöner aber, wenn sie von Schnee bedeckt ist. Eine Skipiste wurde hier eingerichtet, mit Skilift und Flutlicht. Die professionellen Skifahrer werden hier trotzdem nicht auf ihre Kosten kommen, dafür eignet sich die Piste sehr gut für Klassenfahrten, die mit einem Skikurs verbunden sind.

Heute wird die Skipiste mal ausnahmsweise als Rodelbahn verwendet. Zu wenig Neuschnee, um Ski fahren zu können, dafür haben die Touristen zu allen Mitteln gegriffen, um sich an dem Schnee erfreuen zu können: Es wird geschlittert, geglitten, was das Zeug hält und womit man gerade kann. Außer Bob-Schlitten und den traditionellen Holzschlitten gibt es einen modernen Schnee- Roller, aber auch Snow-Glider (lies Po-Rutscher, super günstig und an die alte Plastikfolie erinnernd) und Plastikfolien, aber auch Plastiktischdecken. Manch einer versucht es mit dem eigenen Po und rutscht den Hang hinunter, nur die Hose als Schutz.

Viel anderes kann man hier eigentlich nicht unternehmen im Winter, aber die frische Luft ist unbezahlbar. Die umgebenden Gebirge sind mit Nadelwäldern bedeckt.

Die Ortschaft selbst verfügt über keine ordentliche Stadtplanung, die Pensionen sind aus dem Boden gesprossen wie Pilze. Chaotisch. Aber jeder, der einen Übernachtungsplatz sucht, wird etwas finden. Am besten, man mietet sich mit Freunden eines der kleinen Häuser, doch dann man muss Selbstbewirtschaftung-Selbstversorgung in Kauf nehmen, was im Winter auch mal bedeutet, das Feuer mit Holz zu unterhalten. Die Zubereitung des Essens teilen sich Mann und Frau hier auf, neben dem Grill steht der Mann, die Frau in der Kochnische, in der Küche, und kümmert sich wahrscheinlich um den Salat. Jedes der kleinen Häuschen hat einen Holzkohlegrill, weil der partout zum Urlaubsfeeling vieler Menschen hierzulande gehört. Selbst im Winter lassen sich die Touristen das Grillen nicht nehmen: Steht man auf der Skipiste oder läuft man durch die Straßen, so kitzelt einen der Rauch, der aus mehreren Holzkohlegrills gleichzeitig emporsteigt, in der Nase.

Weitere drei Stunden, dann können wir uns glücklich und erfrischt wähnen. Im Hotel ist es warm und gemütlich. Der Winter raubt mit seinen kurzen Tagen und langen Nächten von der Zeit, die man draußen verbringen könnte, abends hat es bereits minus 11 Grad, über Nacht sollen es minus 15 werden! Für die Unterhaltung „indoor“ muss man selber aufkommen, also sich etwas einfallen lassen. Die meisten Pensions- und Hotelgäste essen, trinken, schauen fern und spielen Karten oder andere Gesellschaftsspiele.

Es gibt keine Infrastruktur für Unterhaltung. Es gibt auch keinen Laden zwischen dem Hotel, in dem wir wohnen, und der Skipiste. Man bringt eben alles mit und versorgt sich selbst oder setzt sich ins Restaurant.

Was die Straßen anbelangt, steht in der Nähe der Piste ein überdimensionales Plakat, das bekannt gibt, dass die Ortschaft dank EU-Finanzierung in das Straßennetz und die Infrastruktur investieren will, um Râuşor zu einem Urlaubsort von regionalem Interesse aufleben zu lassen.

Diese paar Minuspunkte lassen jedoch die meisten Touristen kalt, viele von ihnen sind hier bereits mehrmals eingekehrt, im Sommer wie im Winter.

Im Winter ist die Nähe für die Temeswarer – man erreicht den Ort in etwas mehr als zwei Stunden – der absolute Trumpf. Die Autoschilder beweisen das, es sind viele TM-Kennzeichen dabei, aber auch AR, CS und selbstverständlich HD, denn schließlich liegt Râuşor im Kreis Hunedoara.

Im Sommer hingegen bietet die Gegend durch landschaftliche Reize und Wanderwege schon mehr. Da kann man zum Beispiel im Wanderschritt in Richtung Retezat-Spitze gehen, oder zum Stevia-See, einem der vielen Gletscherseen. Und die Gegend ist reich an Attraktionen kultureller Natur: Râuşor liegt unweit von Sarmizegetusa Ulpia Traiana. Kommt man aus Temeswar, fährt man an der aus der Römerzeit stammenden Siedlung vorbei, der neuen Hauptstadt der Provinz Dakiens nach der Eroberung durch die Römer.

Biegt man dann in Richtung Râu de Mori ab, so erreicht man das Kloster Colţ und unweit davon die Ruinen der gleichnamigen Festung, die Jules Verne als Inspirationsquelle für den Roman „Das Karpatenschloss“ gedient haben soll. Schloss und Kloster sind mit dem Namen der Adelsfamilie Cândea verbunden, die in dieser Region vielerorts ihre Spuren hinterlassen hat. Die Familie stammt übrigens aus Râu de Mori (selten wird die grammatisch korrekte Form Râul verwendet, das Ortsschild und auch viele der Sprecher verzichten auf den bestimmten Artikel). Heute ist Râu de Mori die Gemeinde, zu der auch Râuşor gehört. Nicht sehr weit entfernt liegt Haţeg, dort kann man sich zum Beispiel das Wisent-Reservat anschauen. Eine Wiederkehr im Sommer verspricht somit vieles.

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