Reise durch die bulgarische Geschichte

Südlich von der geschichtsträchtigen Hauptstadt Sofia liegt das bedeutendste Kloster Bulgariens

Dienstag, 29. Mai 2018

Direkt neben der Banja-Bashi-Moschee im Zentrum Sofias wurden zwischen 2010 und 2012 Reste der römischen Stadt „Ulpia Serdica“ freigelegt.

Die Fresken in der Bojana-Kirche gehören zu den besten erhaltenen Beispielen für bulgarische mittelalterliche Kunst.

Das Rila-Kloster, geistliches Zentrum seit über 1000 Jahren, ist von Sofia aus als Tagesausflug erreichbar.

Im Narthex der Klosterkirche in Rila stellen viele der Wandmalereien Szenen aus der Apokalypse dar.
Fotos: die Verfasserin

In Sofia, direkt neben der zweitgrößten Kathedrale des Balkans, steht auf einer Anhöhe eine recht unscheinbare Kirche aus rotem Backstein. Doch während die Besucher der Stadt die imposante Patriarchenkathedrale bewundern, handelt es sich bei der kleineren Kirche aus dem 4. Jahrhundert um den eigentlichen historischen Schatz. Denn die Sophienkirche, die wie die Hagia Sophia in Istanbul der „Heiligen Weisheit“ geweiht ist, ist die Namensgeberin der bulgarischen Hauptstadt. Im 14.  Jahrhundert, als Sofia noch Sredez hieß, war sie mit Abstand das höchste Gebäude der Region. Wenn Reisende sich der Stadt näherten, war sie das erste, was sie aus der Ferne sahen. So sagten sie zueinander: „Schau, dort vorne ist Sofia!“

Wer eine hektische Großstadt erwartet, wird von Sofias zu großen Teilen verkehrsberuhigter Innenstadt und dem entspannten Lebensstil der Menschen überrascht sein. Sieht man von den imposanten Gebäuden ab, verstärken viele Grünflächen und Cafés in kleinen gepflasterten Straßen rund um das Zentrum das Gefühl, in einem gemütlichen Städtchen gelandet zu sein. Was nicht bedeutet, dass das kulturelle Geschehen oder das Nachtleben der bulgarischen Hauptstadt nicht ausgereift wären. Im Gegenteil: Sofia zeigt sich auch als attraktive europäische Großstadt mit vielen Möglichkeiten für Jung und Alt.

Um einen guten Überblick über den Stadtkern zu bekommen, lohnt sich die kostenlose englischsprachige Stadtführung der Nichtregierungsorganisation „365“, die in den Sommermonaten täglich um 10, 11 und 18 Uhr beginnt. Die gutgelaunten, jungen Stadtführer beginnen ihre Tour mit einer Zusammenfassung von 6000 Jahren bulgarischer Geschichte in nur sechs Minuten. Für mehr Details über die jüngere Geschichte wird später mithilfe des Publikums ein kurzes Theaterstück inszeniert – so erinnert man sich garantiert noch lange daran!

Geschichte

Im 8. Jahrhundert v. Chr. errichteten die thrakischen Serden auf dem Gebiet der heutigen Hauptstadt eine Siedlung, die sie „Serdica“ nannten. Zu einer bedeutenden Metropole machten allerdings erst die Römer die Stadt, die das Gebiet ab 29 n. Chr. besetzten. Im Mittelalter gehörte sie zeitweise zum Ersten und Zweiten Bulgarischen Reich, stand aber zwischendurch unter byzantinischer Herrschaft. Ab dem 14. Jahrhundert schließlich war das heutige Bulgarien für fast 500 Jahre Teil des Osmanischen Reiches. Erst der Russisch-Osmanische Befreiungskrieg brachte 1878 die Unabhängigkeit und machte Sofia zur Hauptstadt des Fürstentums Bulgarien. Da das Land im Zweiten Weltkrieg auf der Seite Deutschlands kämpfte, wurden große Teile Sofias von den Alliierten zerbombt und in der Nachkriegszeit nach sozialistischem Vorbild wieder aufgebaut.

Sehenswürdigkeiten

Der Verlauf der Geschichte lässt sich an Sofias Zentrum unverkennbar ablesen, denn die Stadt wurde deutlich sichtbar in mehreren Schichten jeweils auf die vorigen Bauwerke errichtet. So kommt es, dass man Treppen hinabsteigt, um auf der Höhe der zentralen Metrostation die Ausgrabungsstätte der römischen Stadt „Ulpia Serdica“ besichtigen zu können. Direkt daneben erhebt sich nur einige Höhenmeter darüber und noch immer unter dem Level der heutigen Stadt eine kleine orthodoxe Kirche aus dem 14. Jahrhundert. Die langjährige Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich ist leicht an der großen Moschee aus dem 16. Jahrhundert und auch an dem orientalisch anmutenden ehemaligen türkischen Badehaus, neu errichtet im beginnenden 20. Jahrhundert erkennbar. Schließlich eröffnen sich dem Besucher weite Plätze mit imposanten sozialistischen Gebäuden, die Zeugnis über das kommunistische Bulgarien ablegen. Neben der Moschee und zahlreichen bulgarisch-orthodoxen Kirchen sind auch die russisch-orthodoxe Kirche mit ihren goldenen Zwiebeltürmen sowie die riesige Synagoge mit ihrem Museum über die Juden in Bulgarien sehenswert. Die bulgarische Hauptstadt bietet generell eine Vielzahl an interessanten Museen, wie zum Beispiel das Ethnographische Museum im Gebäude des ehemaligen königlichen Schlosses, das Archäologische Museum und mehrere Kunstmuseen, darunter das Museum der sozialistischen Kunst, das unter anderem Statuen von Lenin ausstellt, die nach der Revolution unbrauchbar geworden waren.

Bojana-Kirche und Witoschagebirge

Am Rande der Stadt, mit dem Bus oder einem Sammeltaxi zu erreichen, erstreckt sich das Witoschagebirge mit seinem höchsten Gipfel mit 2290 Metern. Hier beginnt auch der Naturpark Witoscha mit zahlreichen Wanderwegen und Klettertouren, während das Gebirge zur kalten Jahreszeit ein beliebtes Wintersportgebiet ist. Bereits für einen Blick auf die Stadt lohnt sich ein kleiner Aufstieg durch den Wald, zumal sich hier, am Fuße des Gebirges, die Kirche von Bojana befindet. Aufgrund ihrer einzigartig erhaltenen Fresken aus dem 13. Jahrhundert gehört diese dem UNESCO-Weltkulturerbe an. Damit Licht und Feuchtigkeit die Wandgemälde nicht zu sehr beschädigen, ist eine Besichtigung des kleinen Innenraums auf zehn Minuten begrenzt. Die Kirchenaufsicht gibt gern Erklärungen zu den dargestellten Personen und Szenen. In der Nähe der Kirche befindet sich das Nationale Historische Museum, das einen umfassenden Einblick in die bulgarische Geschichte bietet.

Rila-Kloster

Etwa 120 Kilometer südlich von Sofia versteckt sich in den dichten Wäldern des Rilagebirges das Kloster des heiligen Iwan von Rila. Dieses bedeutendste und größte Kloster Bulgariens wurde im 10. Jahrhundert gegründet und gehört ebenfalls dem UNESCO-Weltkulturerbe an. Innerhalb der imposanten Klostermauern aus Stein, die an eine Festung erinnern, befindet sich eine überraschend farbenfrohe Hauptkirche: rot gestreifte Außenwände grenzen an schwarz-weiß gestreifte Säulengänge, darüber erheben sich gelbe Kuppeln.

Das Kloster wurde 927 n. Chr. von dem Einsiedlermönches Iwan Rilski gegründet, der im Rilagebirge in Höhlen oder unter freiem Himmel lebte und ein asketisches Leben führte. Im Mittelalter kam das Rila-Kloster zu Reichtum und Ansehen. Es wurde mehrfach geplündert, doch immer wieder zeitnah aufgebaut. Besondere Bedeutung erlangte es, weil es während der osmanisch-türkischen Herrschaft der einzige Ort war, an dem bulgarische Kultur und Religion ausgeübt und somit bis zur Unabhängigkeit von Generation zu Generation weitergegeben werden konnten. 1833 brannte das Kloster nieder, sodass die heutigen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert stammen. Lediglich ein Verteidigungsturm aus dem 14. Jahrhundert überlebte den Brand und steht heute im Zentrum des Gebäudekomplexes neben der Klosterkirche. In den mehrstöckigen Gebäuden, die entlang der Außenmauer den Innenhof umschließen, befinden sich das Kirchliche und historische Museum, ein Museum über das ursprüngliche Klosterleben und eine Ikonengalerie. Zudem gibt es hier zahlreiche Zimmer für Gäste, die im Kloster übernachten möchten. Außerhalb der Klostermauern kann man in Gaststätten einkehren oder sich in einer Bäckerei stärken.

Wenige Kilometer hinter dem Klosterkomplex befindet sich die Höhle, in der St. Iwan Rilski sieben Jahre lang gelebt haben und bei der er begraben liegen soll. Nach einem 15-minütigen Anstieg durch den Wald über moosbewachsene Steinpfade erreicht man eine kleine Kirche, hinter der sich die Höhle befindet. Am Ende des dunklen Hohlraums führt ein schmaler Durchgang nach draußen. Es heißt, dass das Durchklettern des kleinen Tunnels die Seele bereinigt.

Von Sofia aus erreicht man das Rila-Kloster am einfachsten mit organisierten Bustouren, die von mehreren Reiseunternehmen sowie von Hostels und Hotels angeboten werden. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln gibt es verschiedene Möglichkeiten, allerdings sind direkte Verbindungen selten.

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