Sicher hinter trutzigen Mauern

Charmante Geschichten und ein bisschen Geschichte zur Kirchenburg von Honigberg

Donnerstag, 16. August 2018

Wie einst weiden auch heute Kühe vor dem Zwinger der Honigberger Kirchenburg.
Fotos: George Dumitriu

Blick von der Kapelle in den Innenhof mit der Kirche: Die Leitern zum Wehrgang darf man übrigens hochklettern.

Sogar während der Belagerung wurde hier Unterricht gehalten. Heute gibt es Geschichten auf Sächsisch und Deutsch aus dem Lautsprecher.

In dieser Kirche harrten die Frauen und Kinder aus, während die Männer die Angreifer von den Wehrgängen aus in Schach hielten.

Schüsse knallen, Pferde schnauben, Stimmen in fremder Sprache schallen über die Mauern. Schritte trappeln im Wehrgang. „Siegbert, das Pech!“ ruft der Hansi-Onkel von oben. Ängstlich drückt sich Anna tiefer in die Bank. Die Schule lenkt ein wenig ab von dem, was draußen passiert. „Miau, miau. Anni, Nani, Ina, Nina“ buchstabiert neben ihr der kleine Misch. Seit Tagen herrscht Ausnahmezustand in Honigberg. Das ganze Dorf hat  sich in der Kirchenburg verschanzt. Zuerst war es ein Abenteuer für die Kinder: Endlich durften sie in der „geheimen Kammer“ schlafen, von der jede Familie im Dorf eine besaß, in Reihen übereinander in der Wehrmauer angeordnet. Doch als Vater Nachtwache schieben musste und sie mit Mutter alleine blieben, bekamen sie doch Angst. Draußen im Zwinger muht eine Kuh. „Hoffentlich geschieht unserer Alma nichts“, zittert Anna und verschwitzt beinahe, dass sie gleich dran kommt...

Ein Krachen aus dem Lautsprecher reißt mich aus meiner Phantasiegeschichte. Es folgt ein Märchen: Rotkäppchen auf Sächsisch. Die „Griesi“ - Großmutter – setzt den „Augenspiegel“ – die Brille – auf, zirpt die Kinderstimme im Dialekt. Ich sehe mich um. In der Vitrine des Schulraums kann man einen „Signirkasten“ bewundern, einen Stempel und eine Fibel. An den Wänden hängen alte Karten. Eine Schiefertafel ruft nostalgische Erinnerungen wach. Ob Kinder von heute so etwas noch kennen? Ich erhebe mich aus der viel zu kleinen Schulbank. Es gibt ja noch einiges zu entdecken! Wehrgänge erkunden, durch Schießscharten spähen, auf den Glockenturm klettern, den zweithöchsten im Burzenland, oder auf den rustikalen Kirchenbänken von 1595 Probesitzen – die übrigens deshalb keine Lehnen haben, damit die prächtigen Trachten der Frauen, die die Sachsen zum Kirchgang tragen mussten, nicht zerdrückt wurden. 


Im Ostturm gibt es eine Kapelle mit wertvollen Wandmalereien aus katholischer Zeit (1460-1479). Ab 1850  wurde sie zum Specklager umfunktioniert, mit Eiskammer unten im Keller. Ohnehin waren die katholischen Bilder – im Zentrum steht das Jüngste Gericht – nach der Reformation mit Kalk übertüncht worden. Erst 1920 hatte man sie wieder freigelegt. Doch das Salz aus dem Speck und die Feuchtigkeit des Eises hatte ihnen stark zugesetzt. Neben der Schule gibt es drei weitere Museumsräume zu erkunden: ein möbliertes Zimmer, ein Trachtenzimmer und eines mit alten Musikinstrumenten. Vor dem Zwinger weiden, wie früher, echte Kühe.


Entdeckerparadies


Als Kind spielte ich auf Ausflügen zu rheinischen Burgen immer „Burgfräulein“, spähte in jede Ecke und fragte mich: „Wo ist der Prinz?“ In Siebenbürgen kann man dies noch besser. Hier ist noch nicht alles alarmgesichert und hinter Absperrseilen verborgen, der Erlebniswert noch authentisch. Die Kirchenburg von Honigberg/Hărman ist sicher einen Versuch wert, die Sprösslinge mal vom Smartphone loszueisen und auf Entdeckungstour zu schicken: Wer findet die beiden Falltüren? Könnt ihr herausfinden, wo der Speck hängt? Oder wofür die hölzerne Walze im Hof verwendet wurde (zum Aufknacken von Getreidekörnern)?

Kirchenburgen vermitteln nicht nur Geschichte, sie stecken auch voller Geschichten. Die merkt man sich oft besser als historische Zahlen und Daten, so schleicht sich Wissen durchs Hintertürchen ein. Gleich mehrere Geschichten gibt es in Honigberg über den Namen der sächsischen Ansiedlung, die 1240 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Eine Version behauptet, den Namen hätten die Siedler aus der alten Heimat mitgebracht. Im Mittelalter durchaus üblich, versichert der Führer Dan Popescu. Tatsächlich hat man in der Gegend von Luxemburg, wo die Siedler herkamen, einen historischen Ort namens Honigberg gefunden, erzählt er. Überzeugend klingt aber auch die andere Version: Weil es in der Nähe des Dorfs einen Hügel gibt, auf dem Wildbienen nisten, nannte man diesen auf Lateinisch „Mont mellis“ - Honigberg. Auf dem Hügel fanden die Siedler angeblich Reste einer alten Festung, die sie zusammen mit den Bewohnern der Nachbardörfer Petersberg/Sânpetru und Brenndorf/Bod wieder aufbauten, um sie im Angriffsfall als Fluchtburg zu nutzten. Nur, dass sich das Modell der Fluchtburgen generell nicht bewährte: Die Osmanen waren schnelle Reiter, der Weg zur Burg zu weit, die sächsischen Bauern keine guten Kämpfer. Was lag näher, als die Dorfkirche zu befestigen und alles, was wichtig war und nicht schnell eingepackt werden konnte, dort zu lagern? Lebensmittelvorräte zum Beispiel, davon zeugen heute noch die Kornkammern oder  der Speckturm. Der rumänische Name, H˛rman, soll sich hingegen von Hermann, dem Anführer der ersten Siedlergruppe, ableiten. Angeblich war dies auch der erste deutsche Name des Ortes, was der Theorie vom mitgebrachten Namen freilich widerspricht.

Widersprüchliche Geschichten gibt es auch zur Herkunft des Siegels von Honigberg, ein Kreis mit einem zusammengeschmolzenen T und F oben drauf. Stehen diese Buchstaben für „Frate Teutonic“, wie die Brüder des Deutschen Ritterordens genannt wurden, der im 13. Jh. bis zu seiner Vertreibung 1225 im Burzenland vertreten war – in Marienburg/Feldioara, Tartlau/Prejmer, Rosenau/Râșnov und Petersberg? Die Kirchen in den genannten Orten wurden später von  König Bela IV. dem Zisterzienserkloster in Kerz/Câr]a zugeordnet. Oder kommt T F von Terra Fabis, „süßes Land“ auf Lateinisch, wobei „fabis“ auch Bienenwabe bedeutet? Ist der Kreis ein Symbol für die Welt – oder für die Mauern der Burg?

Berühmte fremde „Gäste“

1421 griffen die Osmanen Honigberg an. 1552 legte der Moldauer Woiwode Stefan Rareș den Ort in Schutt und Asche. 1612 forderte der ungarische Gabriel Bathory, Prinz von Transsylvanien, unterstützt von 7000 Soldaten, dreist die Burg. Die Sachsen verweigerten die Übergabe, daraufhin ließ er das Dorf plündern und niederbrennen. „In die Burgmauer wurde eine 40 Klafter große Bresche geschossen, doch über Nacht hatten die Verteidiger diese mit Kirchengestühl und Erde wieder verschlossen“, erzählte ein früherer Führer, Herr Dreier, festgehalten von einem Besucher auf mmaronde.de. 1658 griffen erneut die Moldauer an.

Berühmtester Gast, wird in Honigberg gerne erzählt, sei König Karl XII. von Schweden gewesen, der bei seinem Rückzug nach der verlorenen Schlacht von Poltawa (1709) gegen den russischen Zaren Peter der Große dort untergekommen sei. Dass es wirklich der König persönlich war, bezweifelt Dan Popescu. Aus der Arbeit „Karl XII. von Schweden und Ferenc II. Rakoczi zu Gast im Osmanischen Reich“ von Ulrike Tischler-Hofer geht jedoch hervor, dass Honigberg ab 1712 Teil einer schwedischen Postlinie vom Exil des Königs in Bender im Osmanischen Reich war, wo sich dieser mehrere Jahre zwangsweise aufhielt, und die von Kronstadt über Honigberg und Jassy/Iași führte. In diesem Zusammenhang wird der Besuch einer schwedischen Delegation 1710 in Honigberg erwähnt, die der Kirche eine Geldspende leistete. Laut Stiftungs- und Schenkungsverzeichnis der Gemeinde wurde diese zur Herstellung eines Altars verwendet. Auch die prächtige Orgel aus der Werkstatt von Johannes Prause – zweitgrößte im Burzenland nach der Orgel in der Schwarzen Kirche –  soll davon bezahlt worden sein.

Heute gibt es nur noch 131 Sachsen in Honigberg. Doch ihre Geschichte und Geschichten werden weiterleben – und ihre stolze Kirchenburg hoffentlich auch nach Jahrhunderten noch kleine und große „friedliche Eroberer“ begeistern.

Kommentare zu diesem Artikel

Dieter, 16.08 2018, 22:49
Danke für den Beitrag

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