Steppenblumen in Siebenbürgen

Der Zackelsberg – eine Ausflugs-Alternative für Naturliebhaber

Dienstag, 01. Mai 2018

Die Zwergmandelsträucher am Berghang
Foto: Rotraut Barth

Leuchtend gelb blühen die Adonisröschen.

Der Milchstern wirkt sehr anmutig.

Im frischen Grün sind blühende Bäume und dunkle Nadelbäume zu sehen.
Fotos (3): die Verfasserin

Die Bewohner von Hermannstadt/Sibiu sind eindeutig privilegiert. Nicht allein das kulturelle Angebot ist beneidenswert, sondern auch die Möglichkeiten, zu jeder Jahreszeit Ausflüge und Wanderungen in die nächste Umgebung zu unternehmen, sind vielfältiger als in den meisten Städten des Landes.

Wer über keinen fahrbaren Untersatz verfügt, kann in den Erlenpark und ins Goldtal rausgehen oder einen Spaziergang im Freilichtmuseum unternehmen. Per Auto bieten sich in einer Entfernung von ca. 30 Kilometern neben der von Menschenmengen und entsprechendem Lärmpegel belasteten Hohen Rinne/Păltiniș und dem dort hin führenden Stezii-Tal oder dem leider nicht mehr so idyllischen Michelsberg/Cisnădioara und seinem Silberbach-Tal die Dörfer der Mărginime oder das Zoodt-Tal/Valea Sadului an.

Dank einer Freundin, deren Hobby Botanik ist (und die mit ihrem Wissen zu diesem Bericht beigetragen hat), lernte ich auf meine alten Tage nicht bloß die Vielfalt der siebenbürgischen Flora, sondern auch versteckte, wunderschöne, menschenleere und ruhige Täler, Berge und Wälder in der Hermannstädter Umgebung kennen.

Schneeglöckchen, Krokusse, Veilchen, aber auch hie und da Adonisröschen, blühen in Gärten, sie jedoch in freier Natur zu entdecken ist eine andere Freude. Ein kleines Feld strahlend gelber Adonisröschen kann im April am Zackelsberg (rumänisch Dealul Zackel) bewundert werden. Um dort hin zu gelangen, muss man einen Berghang hinaufklettern. Die Röschen selbst sind auf der Wiese mit trockenem, rutschigem Gras in Büscheln wachsend zu finden. Am selben Ort sind Ende März/Anfang April Nieswurz und Kuhschelle anzutreffen, nebst „banalen“ Veilchen und anderen Frühlingsblumen. Der Zackelsberg ist Teil der „Steppeninseln“ (Insulele stepice) Kleinscheuern/Șura Mică – Stolzenburg/Slimnic, ein von Bedeutung für die Gemeinschaft erklärtes Gebiet für den Schutz der Biodiversität und Konservierung der spontanen Flora und wilden Fauna sowie der natürlichen Habitate. Die rund elf Hektar umfassende Fläche am Zackelsberg wurde per Gesetz im Jahr 2000 zum Naturreservat erklärt. Geschützt sind Pflanzen wie Tiere. Am Berghang können die Höhlen der Fuchsbaue entdeckt und ab und zu auch ein Fuchs überrascht werden, im Wald oberhalb der Steppenwiese kann man Spuren von Wildschweinen sehen und manchem Rascheln im Gebüsch folgt das Weghasten eines Rehs. Außerdem leben hier Feldhasen, Fasane, Rebhühner, Schreiadler, Eulen und in den alten Birnbäumen brüten in manchen Jahren Pirole.

Der Zackelsberg

Zum Zackelsberg gelangt man von der Straße Hermannstadt in Richtung Mediasch hinter Stolzenburg nach rechts abbiegend – bevor man zum Verkaufsstand der Apfelfarmen (links von Hermannstadt kommend) gelangt. Ein Hinweisschild auf den Zackelsberg gibt es nicht, erst oben am Berg zeigt eine Tafel an, dass man sich bereits in der Pflanzenschutzzone befindet. Die blühenden Obstgärten und in Blüte stehenden Bäume im Frühjahrsgrün der nahen Wälder sind ein schöner Anblick. Das Reservat befindet sich etwa 500 Meter von der Landstraße entfernt. Der Webseite http://pmc.arpmsb.anpm.ro/insulelestepice.php zufolge wird der Zackelsberg bereits seit 1967 nicht mehr als landwirtschaftliche Nutzfläche und seit 1972 als „Steppenreservat“ betrachtet. 1981 fand jedoch ein massiver Erdrutsch statt – infolge der Abholzungen am Nordhang und der Umwandlung in Ackerfläche – so dass die spezifische Steppenflora und –fauna nur mehr an den Randflächen anzutreffen ist, während sich auf dem von Erosion betroffenen Areal Ackerunkraut und sogenannte Ruderalvegetation (in Siedlungs-, Industrie- und Entsorgungsanlagen sowie an Verkehrswegen anzutreffend, wie Disteln zum Beispiel) breit gemacht haben.

Die Steppenvegetation am Südhang des Berges ist der ganztägigen Sonneneinstrahlung, dem Südwind und der geringen Feuchtigkeitsmenge zu verdanken. Auf der oben erwähnten Webseite wird angegeben, dass auf dieser doch recht kleinen Fläche 314 Pflanzen- und ca. 400 Tierarten (Heuschrecken, Käfer, Schmetterlinge, Ameisen) verzeichnet worden sind, die ansonsten im Mittelmeerraum und anderen trockenen, südlichen Gefilden anzutreffen sind. Der Diskussion über Alter und Herkunft, d.h. natürliche oder durch menschliche Tätigkeit entstanden, der auch in anderen Gegenden in Siebenbürgen vorhandenen Steppenlandschaften widmet sich in einem wissenschaftlichen Beitrag (2012 in einem Tagungsband erschienen) die aus Siebenbürgen stammende Biologin Prof. Dr. Erika Schneider vom Karlsruher Institut für Geografie und Geoökologie, die auch an der Hermannstädter Lucian-Blaga-Universität unterrichtet. Sie hat festgestellt, dass im Hochland Siebenbürgens stellenweise zwei unterschiedliche Gesellschaftsgruppen ineinandergreifen: einerseits die wiesensteppenartigen Gesellschaften östlicher Prägung mit pontisch, pontisch-pannonischen und eurasiatisch-kontinentalen Elementen und andererseits Gesellschaften, in denen submediterane Arten dominant vorkommen.

Blühende Überraschungen

Fährt man auf der Straße am Zackelsberg vorbei und selbst wenn man an seinem Fuß steht, vermutet man keineswegs, welche Überraschungen er bietet. Ist das Adonisröschen Ende März/Anfang April der Star unter den Blumen, kann man Mitte April nach der Steppeniris in Lila und Gelb Ausschau halten. Gesehen haben wir desgleichen den Milchstern und die zarte lila-rosa Frühlingsplatterbse. Eine ganz besondere Freude hatte meine Freundin an den Büschen rosarot blühender Zwergmandeln. Neben Veilchen waren diesmal auch Himmelsschlüssel zu sehen. Später im Jahr folgen Tatarischer Meerkohl, wilder Spargel, Tragant und der prächtige Diptam (Brennender Busch). Zu weiteren Besonderheiten gehört der nickende Salbei und das dreizähnige Knabenkraut.

Nach und nach beginne ich zu verstehen, weshalb Prinz Charles nach Siebenbürgen kommt, um die Flora zu bestaunen...

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