Weißes Gold, schwarze Madonna

Cacica: Auf der Suche nach Gesundheit und Seelenheil in der Bukowina

Freitag, 30. Dezember 2016

Badenixen vor dem Eingang zur Saline

Auf 192 Stufen geht es in den Bauch der Erde hinunter...

Spektakulär: der von Hand aus dem Salz herausgehauene Ballsaal. Hier wurden einst rauschende Feste gefeiert!

Oben und rechts: Charmante Interpretationen von Adam und Eva als Reliefs im Salzstock

Wegen des hässlichen gelben Plastikdachs davor ist die Kathedrale leider nicht sehr fotogen.

Gottesdienste werden abwechselnd auf Rumänisch, Polnisch, Deutsch und Ungarisch abgehalten.

Besondere Schmuckstücke: der Altar und die Vitralienfenster

Fotos: George Dumitriu

Cacica gilt als Wallfahrtsort - nicht nur für unzählige Gläubige auf der Suche nach dem Segen der Jungfrau Maria, die in der dortigen katholischen Kathedrale durch eine wundertätige Ikone wirken soll. Das verschlafene Dorf in der Bukowina mit mehrheitlich polnischer Minderheit ist auch erklärtes Ziel zahlreicher Gesundheitstouristen: Salzbäder und die aerosolhaltige Luft in der Saline versprechen Heilung oder Linderung vor allem bei Haut-und Atemwegserkrankungen.

Auf dem Weg zwischen Solca und Gura Humorului sind wir oft an Cacica vorbeigefahren. Dann, im Spätsommer 2016, biegen wir kurzentschlossen ab... Wir folgen dem Schild  „Saline“  und rollen bei strahlendem Sonnenschein durch das Tor der Bergwerksanlage direkt gegenüber der  Kathedrale. Der Komplex mit dem verfallenen Herrenhaus und dem fabriksähnlichen, etwas heruntergekommenen Bergwerksgebäude, wo bis heute Salz abgebaut wird, rangiert irgendwo zwischen romantisch und bedrückend. Wir haben Glück an diesem lauen Sommertag: volksfestartiges Treiben herrscht um bunte Hüpfburgen und hölzerne Verkaufsstände mit mehr und weniger landestypischen Souvenirs. Glückliche, zuckerwatteverklebte Kindergesichter, Musik und der Duft von Baumstriezel. Fröhliche Bikini-Mädchen mit Handtüchern um die Schultern schlendern auf der Straße nach Hause. Wir schnuppern zwischen kunstvoll bestickten Trachtenblusen herum, bis uns siedendheiß klar wird: Wenn wir noch in die Saline wollen, dann rasch!  „Von der Presse? Okay, aber in einer halben Stunde, wenn die Arbeiter hochkommen, schließen wir!“ warnt der Pförtner und läßt uns auch nach der Sperrstunde  noch ein. Auf die Frage, ob es kalt da unten sei, reicht er mir seinen Anorak.

Salzkirche, Ballsaal, Hochzeitsfloß

Über mehr als 200 Jahre alte, vom Salz versteinerte Eichenstufen steigen wir in den Bauch der Erde. Im Laufschritt bewältigen wir die beiden Horizonte, die für Touristen zugänglich sind, im dritten wird noch gearbeitet. Die wattierte Jacke leistet gute Dienste bei nur zehn Grad Celsius! Nach 192 Stufen in 27 Metern Tiefe stehen wir vor der Kapelle der hl. Varvara (lokale Form von Barbara): 1806 war sie auf Initiative des polnischen Pfarrers Jakub Bogdanowicz in den Salzstock gehauen worden, damit die römisch-katholischen, griechisch-katholischen und orthodoxen Minenarbeiter, für die es in der Nähe keine Kirche gab, täglich vor der Schicht um Schutz bitten und danach dafür danken konnten, denn die hl. Varvara ist die Schutzpatronin der Bergleute. Heute findet dort nur noch am 4. Dezember ein Gottesdienst statt, der von den Pfarrern der drei Konfessionen gemeinsam zelebriert wird. Die nächste Attraktion ist der künstliche Salzsee in 42 Metern Tiefe: Ein kristallbedecktes Holzfloß treibt wie ein funkelndes Juwel still auf der Oberfläche. Es erinnert an glanzvolle Zeiten: Wenn im nahen Ballsaal ein Fest stattfand, fuhren die Gäste damit über den See spazieren - 1902 sogar König Karl I. Junge Paare, die ihre bevorstehende Heirat kundtun wollten, taten dies am liebsten vom Floß aus.

Spektakulär wirkt der riesige, mit gewaltigen Lüstern erhellte Ballsaal in 44 Metern Tiefe gleich daneben. Auf der 42 mal 12 Meter großen Tanzfläche aus feinstem Holzparkett fanden einst rauschende Tanzveranstaltungen statt. Mit meinem Luftpartner im Arm - denn mein Mann muss ja fotografieren - drehe ich einen Walzer, das unsichtbare Publikum applaudiert begeistert, doch leider müssen wir weiter... Wir  „fliegen“ durch die Stollen. Tief dringt die gute, kühle Salzluft in die erhitzten Lungen... und mit ihr der intensive Dieselduft,  der aus dem Abbau-Horizont emporsteigt! Ob das gesund ist? Zurück im Eingangsbereich gibt es noch ein paar Exponate aus dem historischen Bergbau und bizarre Salzkristalle zu bestaunen. 

Salz ist weißes Gold!

Archäologische Funde zeigen, dass es in Cacica bereits vor 5000 Jahren menschliche Ansiedlungen gab. Kein Wunder: Salz bedeutet Leben! Und Wohlstand: Zur Zeit Stefans des Großen organisierten die Mönche aus dem Kloster Humor die Ausbeutung der zahlreichen Salzquellen. 1776 fiel die Bukowina dann unter österreichische Verwaltung: Um kein Salz mehr aus der Moldau importieren zu müssen, wurde 1783 in Cacica ausgiebig gegraben - und das gewaltige, unterirdische Steinsalzvorkommen entdeckt. Der Bau der ersten Mine 1791, der senkrechte Ferdinand-Schacht, leitete eine rasante Entwicklung ein. Bereits 1788 hatten die Habsburger die ersten 20 Kolonistenfamilien aus Polen und vier Ruthenenfamilien aus der Ukraine in Cacica angesiedelt: Spezialisten aus den Salinen von Wieliczka und Bochnia in Polen. Weitere Kolonisten folgten bald: Polen, Slowaken, Ruthenen, Deutsche und Ungarn, auch aus Siebenbürgen.
Bis 1803, als die heute noch existierende Holztreppe für den Abstieg in die Mine angelegt wurde, mussten die Arbeiter in Flechtkörben sitzend hinuntergelassen werden. Abgebaut wurde das Salz in Blöcken für Skulpturen, in groben Brocken für die Viehzucht und in feineren Halit-Kristallen für die Herstellung von Sole. Mit speziellen Wagen, von Hunten gezogen, wurden die schweren Blöcke aus der Mine gekarrt, die Brocken transportierte man in Jutesäcken oder kleinen Fässern und die Sole wurde in Säcken aus Rehleder geschleppt. 1975-1993 wurde die Saline auch als Lager für Käse verwendet, wofür sie sich dank des salzigen Klimas und der konstanten Temperatur eignet.

Wandern oder Wallfahrt

Die polnische Minderheit ist am stärksten vertreten in Cacica, gefolgt von Rumänen und Ruthenen. Unter Touristen aus Polen ist das Dorf daher nicht nur als Wanderziel beliebt - vom Prislop-Pass ausgehend führt ein Pfad quer durch die Bukowina -, sondern vor allem auch als Pilgerort. Insbesondere am 14. und 15. August, dem Marientag, aber auch zum Rosenkranzfest im Oktober wird die katholische Kathedrale, die der Aufnahme Mariens in den Himmel geweiht ist, von tausenden Wallfahrern aus dem In- und Ausland aufgesucht. Bis 1949 fuhr sogar ein Sonderzug auf der Route Wien – Cacica. Im Jahr 2000 wurde die Kathedrale wegen ihrer Bedeutung als Pilgerziel von Papst Johannes Paul II. zur Basilica Minor erhoben. Eine Bronzestatue des polnischen Kirchenoberhauptes ziert seither den Platz vor dem Gotteshaus. Neben der Kirche gibt es eine Pilgerunterkunft und dahinter eine künstliche Grotte, die der aus Lourdes nachgebildet wurde.
1903 wurde das Gotteshaus, das durch erhabene Schlichtheit besticht, aus 21.000 extra dafür gebrannten Ziegeln errichtet und 1904 geweiht. Das neugotische Gebäude in Kreuzform, Entwurf des Architekten Teodor Marian Talowski aus Lvov, besticht durch kostbare Vitralienfenster. Bemerkenswert sind ferner: der Hauptaltar und zwei Nebenaltäre, der hl. Varvara und dem hl.Josef geweiht, eine Ikonostasis aus Lindenholz und die Nachbildung der berühmten Ikone der Schwarzen Madonna von Tschenstochau /Czestochowa  (Schlesien), die Wunder wirken soll. Die vermutlich im 17. Jh auf -  mittlerweile schwarz gewordene - Leinwand gemalte Ikone wurde 1809 aus einer armenischen Kirche in Stanislawow (Polen) zur Weihe der hölzernen Vorgängerkirche der heutigen Kathedrale nach Cacica verbracht und 2009-2010 aufwändig restauriert.

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