Sibiel – ein Dorf im Herzen der Mărginime

Ein offenes Tor zur orthodoxen Spiritualität

Das Zosim-Oancea-Museum in Sibiel beherbergt eine beeindruckende Sammlung an Hinterglasikonen. | Foto: Roger Pârvu

Ich bin der Weinstock: Die Ikone stellt bildlich das orthodoxe Abendmahlsverständis dar. | Fotos (2): Wikipedia

Auferstehungsikone mit habsburgischem, ungarischem und osmanischem Soldaten

Wenn man sich in der Hermannstädter Gegend befindet und dem Trubel der ehemaligen Kulturhauptstadt entkommen möchte, sollte man die Mărginime von der Liste der Alternativen nicht wegstreichen. Die Dörfer, die sich im Halbkreis von Jina bis Râu Sadului um das Zibinsgebirge aneinanderreihen, bestechen durch die erhaltene Bausubstanz, die gelebten Traditionen, sowie das ein oder andere Kleinod: das älteste Wasserkraftwerk bei Zood/Sadu, die Holzverarbeitungskultur in Râu Sadului, die außenbemalte Kirche, die Geburtshäuser von Octavian Goga und Emil Cioran und das Șaguna-Mausoleum in Rășinari, der Kleinstadtflair von Săliște, die im Wald verborgenen dakischen Ruinen bei Poiana oder das Ikonen-Museum in Sibiel, um nur einige zu nennen. 


Unter den Dörfern der Mărginime dürfte Sibiel das bekannteste sein. Entscheidend dazu hat das hier befindliche, schon erwähnte Ikonen-Museum beigetragen. Von Hermannstadt/Sibiu aus kann man Sibiel über zwei Strecken erreichen. Die erste führt über die Nationalstraße Richtung Westen nach Großau/Cristian über Orlat nach Sibiel. Die zweite, landschaftlich attraktivere, führt über Rășinari nach Poplaca, um dann über Orlat in Sibiel anzukommen. Leider ist das Dorf während der Woche über öffentliche Verkehrsmittel schwer und am Wochenende gar nicht zu erreichen.

Kurz nach der Einfahrt ins Dorf erblickt man die Dorfkirche. Betritt man den Kirchhof, steht man direkt vor dem Eingang der Kirche. Von außen erinnert der Bau an die für die westlichen Kirchen typische Gotik. Die Überraschung kommt aber im Inneren, wo man sich unerwarteterweise in einer orthodoxen Kuppelkirche befindet. Die Innenmalerei aus dem 18. Jahrhundert ist gut erhalten, entspricht dem orthodoxen Ikonen-Programm, zeugt aber von einer gewissen Naivität, welche Zeugnis von der Verbindung in die Dorfkultur ablegt. 

Durch den Friedhof von der Kirche getrennt befindet sich das Ikonen-Museum. Dieses beherbergt mit seinen ungefähr 600 Exponaten die größte Sammlung an für den Hausgebrauch gedachten Hinterglasikonen Rumäniens. Dieses wurde von Pfarrer Zosim Oancea, dessen Name heute das Museum auch trägt, erstmals 1971 in einer Scheune hinter der Kirche eröffnet. Da die Räumlichkeiten für die immer stärker wachsende Sammlung zu klein wurden, wurde zwischen 1976 und 1983 das heutige Museumsgebäude gebaut. Dieses wurde vor Kurzem generalsaniert und 2021 erneut für Besucher geöffnet. 
 
Von der politischen Haft zum Kulturgut

Zosim Oancea, der Gründer der Ikonen-Sammlung, wurde 1911 geboren. Sein Vater stirbt 1918 im Krieg. Sein Großvater nimmt sich seiner Ausbildung an und schickt ihn nach Elisabethstadt/Dumbrăveni auf die Schule. 1935 schließt er sein Theologiestudium in Bukarest ab. Es folgt eine Zeit, in der er als Pfarrer an der orthodoxen Kathedrale in Hermannstadt dient. Mit dem Aufkommen der kommunistischen Diktatur versucht Pfarrer Oancea die politisch-inhaftierten Pfarrer und ihre Familien zu unterstützen. 1948 druckt er einen Kalender, dessen Erlös an diese Familien gehen sollte. Dieses Vorhaben liefert den Grund zu seiner eigenen Inhaftierung. Er wird Januar 1949 zu zehn Jahren Haft verurteilt. Bis zu seiner Freilassung 1957 erlebt er die Qualen der politischen Gefangenschaft im Gefängnis in Aiud. Aus dieser Zeit berichtet der Pfarrer in seinen Erinnerungen: „Das war die große Niederlage der Kommunisten: Sie dachten, sie könnten uns den Glauben nehmen, aber gerade diesem haben wir unsere Ausdauer zu verdanken. Im Gefängnis passierte etwas Außergewöhnliches. Ich bemerkte, dass in unserer Zelle ein Stück des Bodens hohl klang. Einer der Insassen, der ein Messer in der Holzprothese seines Beins versteckt hatte, öffnete den Boden und wir fanden darin eine Bibel! Das war eine außergewöhnliche Sache, diese Bibel war unsere größte Hilfe“. 

Nach seiner Freilassung wird er zum Zwangsaufenthalt in der Bărăgan-Ebene verurteilt. Nach kurzer Zeit wird er erneut in Arbeitslager im Donaudelta, zuerst in Noua Culme und dann in Periprava, eingewiesen. Im Rahmen der Amnestie von 1963 wird er endlich befreit und übernimmt im Januar 1964 die Gemeinde in Sibiel. Hier wird er bis 1999 dienen und nach seinem Ableben 2005 auf dem Friedhof beigesetzt.  

Am Gründonnerstag 1969 startet er einen Aufruf an seine Gemeinde, ihm Ikonen aus den Häusern zur Verfügung zu stellen. Von Dachböden, aus Truhen usw. werden diese hervorgeholt und in Kürze beträgt die Sammlung fast 200 Stück. Diese stellen den Anfang des heutigen Museums dar. 

Auch nach seiner Freilassung wurde Pfarrer Zosim Oancea regelmäßig von Vertretern der Securitate besucht. Bei einem dieser Besuche, so erzählt man sich, legt er ihnen sein Vorhaben, ein Ikonen-Museum zu eröffnen, dar. Bevor aber die dezidierte Absage kommen konnte, erklärte Pfarrer Oancea den Geheimdienstmitglieder, dass er im Sinne der Partei dadurch die Kontinuität der rumänischen Kultur und Geschichte vor Ort unter Beweis stellen möchte. Mit den eigenen Argumenten geschlagen, mussten die Securitate-Vertreter seinem Vorhaben zustimmen. 

Aß Jesus vegan?

Die Ikonen-Sammlung bietet einerseits einen Einblick in die orthodoxe Spiritualität, andrerseits, da die Ikonen von Dorfbewohnern selber gemalt wurden, reflektieren sie auch das Alltagsleben in den rumänischen Dörfern Siebenbürgens und der Bukowina in der Zeitspanne zwischen dem 18. und dem 20. Jahrhundert. 

Dass die Maler der Ikonen nicht lesen und schreiben konnten, kann man schnell erkennen. Die spiegelverkehrten Schriftzüge, die der Maltechnik der Hinterglasikonen zu verdanken sind, sind ein klarer Hinweis darauf und sind in fast allen Ikonen wiederzufinden. Die meisten Ikonen sind den Heiligen der Orthodoxie gewidmet, da diese die Rolle eines Schutzpatrons erfüllten. Trotzdem wurden manche biblische Szenen in die Wirklichkeit des rumänischen Dorfes versetzt. Die meisten Darstellungen der Abendmahlsszene zum Beispiel finden im Ambiente eines Hauses der Mărginime statt. Schaut man  auf den Tisch, wird man schnell Messer, Gabel und Tischgedeck wiederfinden. Bei einem genaueren Hinschauen wird aber auffallen, dass unter den aufgetischten Gerichten das Fleisch fehlt. Die Erklärung liegt auf der Hand: das Abendmahl fand in der Osterfastenzeit statt und im orthodoxen Brauchtum wird vegan gefastet. Also war auch das beim Abendmahl aufgetischte Essen der Fastenzeit entsprechend vegan.  

Die gesamte Abendmahlslehre der orthodoxen Kirche ist der Serie an Ikonen zu entnehmen, in denen aus der Wunde Christi ein Weinstock entspringt. Dieser windet seine Ranken um das Kreuz. Die Trauben presst Jesus selber in den Abendmahlskelch aus. So wird in diesen Bildern alles von dem „Ich bin der Weinstock“ des Johannes-Evangeliums bis zur Verwandlung von Wein in Blut im Abendmahlsgeschehen zusammengefasst.   

Die sozialen Wirklichkeiten finden sich in mehreren Ikonen wieder. Zum Beispiel in der Ikone, die die biblische Geschichte vom armen Lazarus darstellt. Dieser liegt, nackt und von Wunden bedeckt, im unteren Teil der Ikone. Darüber sitzen drei Männergestalten in Patrizierkleidung an einer reichen Tafel . Die Musiker im obersten Register, die zum Fest aufspielen, tragen die traditionelle Tracht der Hirten aus der Mărginime. 

Die politische Reflexion kann einer Auferstehungsikone aus der Gegend von Karlsburg/Alba Iulia entnommen werden. Christi Grab wird in der Darstellung von drei Soldaten bewacht: der eine trägt die Uniform eines österreichischen Soldaten, der zweite die eines ungarischen Husaren und der dritte eine osmanische Uniform. 

Die Überraschung im Wald

Sibiel bietet noch einen weiteren Einstieg in die orthodoxe Glaubenswelt. Verlässt man den Kirchen-Museums-Komplex und durchquert das Dorf, erreicht man, nach einem ungefähr einstündigen Waldspaziergang, das Kloster Sibiel. Am Eingang bemerkt man als erstes die neue Kirche und die doch große Wohnanlage der Mönche. Zurzeit leben hier drei Nonnen und ein betagter Mönch, die sich um die gesamte Anlage kümmern. Hinter der neuen Kirche befindet sich aber die alte Klosterkirche aus dem 18. Jahrhundert. Das Kloster wird zwar schon 1550 zum ersten Mal erwähnt, doch ist aus dieser Zeit nichts mehr an Bausubtanz erhalten geblieben. Aus dem 18. Jahrhundert gibt es die Erwähnung einer Theologieschule innerhalb des Klosters. Diese war anscheinend die erste Schule auf dem Gebiet der Mărginime. 1786 wird die Klostergemeinschaft unter dem Vorwand, ein „Hort der Diebe“ zu sein, von den Habsburgern aufgelöst. Dabei wird auch die Klosteranlage niedergebrannt. Wann diese wiederbelebt wurde, ist unbekannt, doch bei der Auflösung des Klosters durch die Kommunisten 1958 lebten hier Mönche. 1991 wurde die Anlage erneut als Nonnenkloster  eröffnet und über die Jahre bis zur heutigen Form erweitert. Für den Eintrag der Klosteranlage in das Register des Nationalen Kulturerbes (Oficiul Patrimoniului Cultural Național) hat sich Pfarrer Zosim Oancea über die Jahre eingesetzt. 

Sucht man also nach einem Zugang zur orthodoxen Spiritualität mit all seinen Facetten – Kirche, Volksglauben, Klosterleben –, sollte man Sibiel als offenes Tor dazu erwägen. Will man nicht alles in einem Zug erleben, bieten die zahlreichen Pensionen die Möglichkeit, vor Ort zu übernachten, sowie die traditionelle lokale Gastronomie zu genießen, wobei durch den direkten Kontakt mit den Einwohnern schnell klar wird, dass die Tradition, der Glaube und das Brauchtum hier real gelebt werden.