Vom unmöglichen zum unendlichen Traum

Film „Hermann Oberth – Flucht von der Erde“ erinnert an den Pionier der Raumfahrt aus Siebenbürgen

Freitag, 03. November 2017

Robert Adams, stellvertretender Leiter des Hermann-Oberth-Museums in Feucht, Politologin Anneli Ute Gabanyi, Astronaut Dumitru Prunariu und Regisseur Cristian Amza.
Foto: George Dumitriu

Denkt man an Raumfahrt, dann bestimmt nicht zuallererst an Mediasch/Mediaş. Schon eher vielleicht an Huntsville, Alabama (USA), wo das größte Raumfahrtmuseum der Welt, das Huntsville Space and Rocket Center, nach der zweiten bemannten Mondfahrt (Apollo 12) 1970 eröffnet wurde. Oder auch an „Star Trek“, die beliebte US-Serie, auf Deutsch als „Raumschiff Enterprise“ bekannt, die Generationen  von Science-Fiction-Fans begeisterte. Tatsächlich sind alle drei mit dem Namen Hermann Oberth verbunden, dem Siebenbürger Sachsen, liebevoll „Vater der Raumfahrt“ genannt.

Geprägt haben den 1894 in Hermannstadt/Sibiu geborenen Raketenforscher, der zuerst Medizin studierte und erst später Physik, nicht nur Stipendien und Forschungsaufenthalte in Deutschland, sondern vor allem auch Siebenbürgen: In Klausenburg wurde eine von Oberths Heidelberger Professoren als „unbeurteilbar“ abgewiesene Doktorarbeit doch noch anerkannt; in Mediasch erhielt der aus Deutschland zurückgekehrte Physiker, der dort am deutschen Lyzeum unterrichtete, auf Geheiß König Carols II. Unterstützung für seine Raketenexperimente. Sein ebenfalls in Mediasch verfasstes Hauptwerk, „Wege zur Raumschifffahrt“, erschien 1929.

Eine Vision nimmt Formen an

Über das Leben und Wirken des visionären Pioniers, der bereits mit elf Jahren, fasziniert von Jules Vernes Science-Fiction-Romanen „Von der Erde zum Mond“ und „Reise um den Mond“, Raketen in seine Schulhefte kritzelte und mit 14 die erste Idee einer Mehrstufenrakete skizzierte, berichtet der Film „Hermann Oberth – Flucht von der Erde“ (rum. Original: „Hermann Oberth – Evadare de pe Terra“, TVR2, Regisseur Cristian Amza), der am 24. Oktober im Kulturhaus „Friedrich Schiller“ gezeigt wurde. Im Anschluss fand eine Diskussionsrunde statt, mit der ebenfalls aus Siebenbürgen stammenden Drehbuchautorin des Films und politischen Analystin Dr. Anneli Ute Gabanyi, dem rumänischen Astronauten Dumitru Dorin Prunariu, der Hermann Oberth 1982 auf einer Tagung in Moskau kennengelernt hatte, und Robert Adams, dem stellvertretenden Leiter des Hermann-Oberth-Museums in Feucht (Deutschland), wo Oberth bis zuletzt gelebt hatte.

Der Film vermittelt Meilensteine aus dem Leben des Genies: seinen Einfluss auf die heutige Raumfahrt, die es ohne ihn in dieser Form nicht geben würde. Mit welcher Hingabe und Beharrlichkeit er sein Ziele verfolgte; aber auch, wie aus visionären Plänen – gedacht, um die Menschheit weiterzubringen – im Handumdrehen vernichtende Waffensysteme werden können. Ein Beispiel: die V2-Rakete, entwickelt in Peenemünde unter Oberths Meisterschüler Wernher von Braun, an deren Konstruktion Oberth zwar keine entscheidende Rolle mehr spielte, doch sie basierte auf seinen Berechnungen. Welche Bedeutung der Forscher in Deutschland dennoch als militärischer Geheimnisträger hatte, verdeutlicht ein ihm auferlegtes Reiseverbot. Und auch die 32 Berichte, die ein auf ihn angesetzter russischer Spion zwischen 1929 und 1931 aus Berlin nach Moskau gesandt hatte...

So kam Oberth erst 1982 zum ersten Mal nach Moskau, Prunariu erinnert sich an die Begegnung. Er hatte eine Rede über Oberth vorbereitet und bemerkte auf einmal zunehmende Unruhe im Saal: Wie? - Hermann Oberth aus Rumänien? Ist er denn nicht Deutscher? Das Gemurmel verstummte erst, als der Genannte spontan auf die Bühne trat, Prunariu ergriffen die Hand schüttelte und ihm auf Rumänisch dankte. Auch der offizielle Oberth-Biograf und ehemalige Redaktor der „Karpatenrundschau“, Hans Barth, verriet: Der Raumfahrtpionier, der 1955 auf Einladung Wernher von Brauns sogar an dessen Raketenforschungsinstitut in Huntsville, Alabama, forschte, und dessen Raketenskizzen später als Vorlage für die Serie „Star Trek“ dienten, hat seine Heimat nie vergessen. Er betrachtete sich zeitlebens als Siebenbürger Sachse.

Vergessene Hürden

Straßen und Lehranstalten in Rumänien, Deutschland oder den USA sind heute nach Hermann Oberth benannt. Jeder möchte sich, scheint es, den berühmten Namen auf die Fahnen schreiben. Vergessen ist, wie mühsam der Weg eines Elite-Forschers sein kann, bis er als solcher Anerkennung findet. Dies ging auch Hermann Oberth nicht anders: Das Genie scheiterte kläglich am starren deutschen Universitätssystem, dessen Mangel an Weitblick und Interdisziplinarität. Erst viel später öffneten ihm Stipendien und Forschungsaufenthalte Türen und Tore. Als schlichtweg utopisch hatten die Professoren in Heidelberg seine 1922 eingereichte Doktorarbeit  über den Raketenantrieb bezeichnet – und prompt zurückgewiesen. Offizielles Argument: Man könne die Arbeit nicht beurteilen. Der Mathematiker beklagte, es sei zu viel Physik, der Physiker monierte die viele Mathematik. Doch Oberth dachte gar nicht daran, ein anderes Thema zu wählen. Seine These veröffentlichte er unter dem ehrgeizigen Titel „Die Rakete zu den Planetenräumen“ – ein Buch, das damals auch in der Presse heftige Kontroversen auslöste. 1923 kehrte Hermann Oberth nach Rumänien zurück, wo die Doktorarbeit schließlich doch noch anerkannt wurde: An der Klausenburger Universität war man in der Lage, den interdisziplinären Spagat zwischen Physik und Mathematik zu leisten.

Interessant auch, dass Oberth lange Zeit als einfacher Gymnasiallehrer gearbeitet hat. Anerkennung und Erfolg ließen auf sich warten. Seine ungebrochene Begeisterung, Beharrlichkeit und wohl auch eine Portion Sturheit führten schließlich doch noch zum Ziel. Das Strickmuster mag jenen bekannt vorkommen, die auch Cristian Amzas Film über den Banater Physiker Stefan Hell kennen (ADZ, 13.10.2016: „Ein heller Stern am Wissenschaftshimmel“): Wieder und wieder wurden diesem in Deutschland die Fördergelder für Forschungen versagt, die ihm schließlich 2014 den Chemie-Nobelpreis für die Entwicklung eines revolutionären Mikroskops einbrachten, das keine Auflösungsgrenzen kennt. Das Argument der Physiker: Es sei unmöglich, ein Naturgesetz (das sog. Abbe-Prinzip) zu umgehen. Schließlich waren es die Biologen an der Universität Turku in Finnland gewesen, die der Finanzierung zustimmten: Sie verstanden zwar das zugrundeliegende Prinzip nicht, erkannten jedoch, dass das in Aussicht gestellte Mikroskop ihr Forschungsfeld revolutionieren würde.

Profil eines Genies

Noch eine Parallele gibt es im Leben von Oberth und Hell: die entscheidende Idee kam beiden bereits in jungen Jahren, nicht erst als konsekrierte Experten. Studium und Forschung dienten lediglich dazu, Wege zu finden, die vorhandene Vision umzusetzen.

Meilensteine: 19 Jahre nach der Ablehnung von Oberths Doktorarbeit, 1942, überwindet erstmals eine Großrakete, an der Hermann Oberth mitgearbeitet hatte, die Erdatmosphäre, erreicht 82 Kilometer Höhe, fliegt 200 Kilometer weit und gilt als erstes von Menschenhand gemachtes Objekt, das in den Weltraum gelangte.

Weitere 27 Jahre später, Juli 1969: Das US-Raumfahrtprogramm Apollo bringt mit einer Saturn-V-Rakete eine bemannte Raumkapsel ins All. Erstmals betritt der Mensch die Oberfläche des Mondes. Der Traum, der einst als unmöglich galt, ist seither Realität. Millionen Menschen träumen ihn weiter: Selbstständige Raumstationen, die Kolonisierung des Mars, Erzabbau im Planatoidengürtel – nichts scheint mehr unmöglich, die Ideen unendlich, alles nur eine Frage von Geld und Zeit.
Vor diesem Hintergrund muss es kurios anmuten, dass ausgerechnet Hermann Oberths Großvater, der Mühlbacher Arzt und Schriftsteller Friedrich Krasser, fest überzeugt gewesen sein soll, dass der Mensch in hundert Jahren zum Mond fliegen würde. Hatte er in seinem Enkel den Funken der Begeisterung gezündet? Woher hatte der kleine Hermann mit nur elf Jahren Zugang zu Vernes Romanen? Ist Begeisterung in einem Alter, in dem man sich spielerisch mit Ideen auseinandersetzt, ohne fachliche Scheuklappen und Grenzen, der Schlüsselfaktor für die Realisierung einer Vision? Welche Rolle spielen andere menschliche Eigenschaften in diesem Prozess?

Der Mensch Hermann Oberth

Beharrlichkeit, sich nicht entmutigen zu lassen, ist sicher eine davon: Robert Adams, der die Familie Oberth seit den 80er Jahren kannte und viel Zeit mit dem Raketenforscher verbrachte, gibt eine Geschichte zum Besten, die sich auf dem Berliner Patentamt ereignete. Der junge Physiker wollte eine Erfindung einreichen und versuchte, den Prüfer zu überzeugen, dass diese patentwürdig sei – vergeblich. „Ich bin zweimal so alt wie Sie und muss es besser wissen“, soll ihm dieser unwirsch entgegengeschleudert haben. Oberth erwiderte darauf: „Die Papageien im Zoo sind noch viel älter als wir – und versuchen nicht, uns zu belehren.“

Prunariu erinnert sich an eine Begebenheit auf einem Kongress in Salzburg 1984, zu dem er zusammen mit drei weiteren Astronauten von Oberth eingeladen worden war – zwei davon aus Deutschland, der BRD und der DDR. Zu diesem Anlass soll Oberth bemerkt haben, für ihn gäbe es nur ein Deutschland. Wenn man die Erde von oben betrachte, ohne vom Menschen gemachte Grenzen, sei dies eine Selbstverständlichkeit...

Oberth-Biograf Barth zitiert diesen als Pazifisten: „Möge die Raumfahrt dazu beitragen, dass sich die Völker dieser Erde untereinander besser verstehen und ihre Zukunft sinnvoller gestalten!“ Intelligentes Leben im Weltraum hielt Oberth für sehr wahrscheinlich, erzählt Prunariu weiter, denn in unserer Milchstraße gibt es erwiesenermaßen Millionen an Sonnensystemen mit Planeten, die ähnliche Anfangsbedingungen wie die der Erde aufweisen. Müssen wir uns also um Sternenkriege, wie sie Captain Kirk und seine Star Trek-Mannschaft erlebten, sorgen? Nicht unbedingt: Wenn man die Vielfalt des Lebens auf der Erde betrachtet, wird einem schnell klar, dass auch das außerirdische Leben unzählige Formen kennen muss.

1989 besuchte Prunariu Oberth zum letzten Mal in Feucht, etwa sechs Monate vor seinem Tod. Wer heute auf Oberths Spuren wandeln möchte, kann dies nicht nur im dortigen Museum, das noch zu Lebzeiten des Raketenpioniers entstand, sondern auch im Hermann-Oberth-Gedenkhaus in Mediasch, das 1994 – 100 Jahre nach dessen Geburt – eröffnet wurde. Denkt man an Raumfahrt, denkt man daher am besten zuerst an Mediasch – als Wiege der Raketenforschung.

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